Donnerwetter

“Sis”, rufe ich aus. “Wie siehst du denn aus? Und überhaupt: Was machst du hier?”

Er steht plötzlich bei mir in der Wohnung. Mitten im Wohnzimmer. Sisyphos, mein alter Freund und Held gleichnamiger griechischer Sage. Auf dem Kopf trägt er einen Schlapphut, der Kragen seines Mantels ist hochgeschlagen, das Gesicht hinter einen großen Sonnenbrille versteckt. Ray-Ban, wenn ich mich nicht irre.

“Pst”, sagt er und schaut sich vorsichtig um.

“Also wirklich, Sis…”, setze ich an.

“Keine Namen bitte!”, unterbricht er mich. “Ich würde lieber, ähm, inkognito bleiben.”

“Wieso darfst du überhaupt deinen Berg verlassen?”, frage ich verdutzt. “Wo ist dein Stein?”

“Na, man wird ja auch noch mal Urlaub machen dürfen”, antwortet er und setzt die Sonnenbrille ab, nicht ohne sich vorher noch einmal umgedreht zu haben. “Was meinst du, was die Gewerkschaft sagt, wenn ich tagein tagaus ohne Pause durchrackern würde.”

“Gewerkschaft?” Heute verblüfft er mich wirklich. “Außerdem bist du doch der Inbegriff, ja die Personifizierung desjenigen, der tagein tagaus ohne Pause durchrackern muss. Eben Sis…”

“Keine Namen!”, fährt er dazwischen. “Außerdem bin ich nicht hier, um über mich, sondern über dich zu reden.”

Ich ahne, was kommt.

“Hast dich ja ganz schön lange nicht mehr blicken lassen.”

“Mmh”.

“Und auch nichts von Mann und Kindern berichtet.”

“Das stimmt nicht.”

“Doch!”, widerspricht Sisyphos. “Jedenfalls nicht hier im Blog.”

“Ja”, verteidige ich mich, “aber dafür schreibe ich zurzeit ja an diesem Buch. Über den Mann, die Kinder und mich.”

“Welches Buch?”, will er wissen.

“Wir waren doch auf dieser langen Reise“, erkläre ich. Und dazu soll ein Buch erscheinen. Muss im Sommer fertig sein, soll im Winter erscheinen. Heißt “Vier um die Welt”.”

“Ja und?” Er nimmt mir den Wind aus den Segeln.

“Naja, und wenn ich schon den ganzen Tag lang über uns schreibe, habe ich halt abends keine Lust mehr dazu.”

“Versteh ich ja”, lenkt er ein. “Aber wenigstens ab und zu…”

In dem Moment unterbricht uns ein lautes Krachen. Ein Blitz schlägt in unseren Balkon ein. Ein weiterer in das Dach des Hauses.

“Mist”, flucht Sisyphos. “Jetzt hat der Alte mich doch wieder entdeckt.”

Fragend schaue ich ihn an. “Na Zeus!”, erklärt er und weicht einem Kugelblitz aus, der durch das Fenster geradewegs in mein Wohnzimmer geflogen kommt. “Der hat das nicht so gern, wenn ich einfach meinen Hügel verlasse…”

Bevor ich weiter nachfragen kann, nimmt er die Beine in die Hand und rennt davon.

“Vonwegen Gewerkschaft!”, murmele ich.

Aber jetzt weiß ich wenigstens, was passiert, wenn Sisyphos seinen Berg mal verlässt, warum er immer so emsig seinen Stein hoch und runter wälzt. Hat mich schon immer interessiert. Aber wie das so ist im Leben: Manchmal vergisst man einfach, nach den wirklich interessanten Dingen zu fragen.

Gut, dass die Leser dieses Blogs, die empört darüber sind, dass ich so lange nicht geschrieben habe, nicht mit Blitzen ausgestattet sind, denke ich. Und setze mich wieder aufs Sofa.

P.S.: @Joona: Ich hoffe, ich konnte damit Deine Frage beantworten.

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5 Kommentare zu “Donnerwetter”

  1. Wicki

    Liebe Frau Sysiphos, ich freue mich, wieder von Ihnen zu hören!

    Na, wenn ein Buch schreibt, dann ist die Abwesenheit hier im Blog selbstverständlich entschuldigt. Ich wünsche noch viel Erfolg beim Schreiben und bin schon gespannt auf das Buch. Die Reiseberichte hatte ich damals schon immer mit Freunde und Spannung verfolgt.

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  2. Tante Jujaa

    Ich habe schon auf spiegel.de begeistert den Blog verfolgt und mit Freude festgestellt: “Jeeeeeeeeeeeeeee, ein neuer Blog!”
    Ich habe innerhalb von 2 Tagen alle bisherigen Einträge verschlungen und freue mich schon auf mehr :-) !

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  3. Fotografin

    Hallo,

    schreiben Sie den Blog noch weiter? Ich würde mich freuen. Ich vermisse Ihre amüsanten Alltagsstories!

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    • Frau Sisyphos

      Liebe Blogleser,
      ja! Sehr bald, ich bitte noch etwas um Geduld. Wie ich ja im letzten, leider lange zurückliegenden Beitrag schrieb, arbeite ich gerade an einem Buch. Das Buch handelt von uns und einer großen Reise. Nur: Wer den ganzen Tag über sich schreibt, will es abends nicht auch noch tun. Deshalb gibt es eine Sisyphospause bis das Manuskript (sehr bald!) fertiggestellt ist.
      Ich freue mich schon darauf, bald wieder vom täglichen Kampf mit dem Alltag zu berichten.
      Beste Grüße von
      Frau Sisypos

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  4. LadySolana

    *Donnerwetter dalass*
    Wir dursten nach neuen Geschichten!

    Sis darf doch auch ned einfach aufhören ;)

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