Mädchenurlaub im Schnee

Ausgerechnet am Valentinstag haben wir uns getrennt. Das Kind und ich haben den Papa verlassen. Und das Kleinkind. Für drei Tage. Um Skifahren zu lernen.

“Mädchenurlaub, Mädchenurlaub”, jubelte das Kind begeistert, als wir vor rund einem Monat unser Vorhaben – ein verlängertes Wochenende im Schwarzwald – erstmals ins Auge fassten.

“Mädchenurlaub, Mädchenurlaub”, jubelte ich nicht minder begeistert. Fürs Reisen kann ich mich stets erwärmen.

“Ich wollte schon immer Skifahren lernen”, sagte das Kind. Mit “schon immer” meint sie die Zeit, seit sie von einer Nachbarin das Buch “Jan und Julia in den Bergen” geschenkt bekommen hat, in dem zwei Kinder – na was wohl? – Skifahren lernen.

“Mmh”, dachte ich im Stillen, “ich wollte bislang eigentlich nie Skifahren lernen.”

Obwohl wir in Hamburg wohnen, sind wir von Skifahrern umzingelt. Kindergartenfreunde fahren Ski, Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunde. Wahrscheinlich auch die geschätzten Leser dieses Blogs. Nur wir nicht. Denn wer spät damit anfängt, wie mein Mann und ich, und nicht gerade nah an den Bergen wohnt, muss für einen Winterurlaub tief in die Tasche greifen: Anreise und Unterkunft, Skiequipment und -Unterricht, Kurtaxe und Liftpasst, Speis und Trank.

Unterm Schnitt kommt man bei fünf Tagen Skifahren auf eine Summe, die einen auch zwei Wochen lang inklusive Flug und Unterkunft in die Wärme führen könnte. Bislang haben wir uns immer eher für Letzteres entschieden. Ich gebe zu: Diesmal hat einer meiner Auftraggeber die Reise ermöglicht. Meine Aufgabe: Zu schauen (und darüber zu schreiben), wie Fünfjährige Skifahren lernen. Und – hüstel – mäßig sportliche 30+Jährige (sprich ich).

“Schnee!”, jubelt das Kind, als uns der Bus höher und höher in die Berge hinauffährt.

“Schnee!”, jubele ich.

In Hamburg hatten wir dieses Jahr bislang genau 1,5 Tage lang Schnee. Ehrlich gesagt, ich hoffe, dabei bleibt es auch bis zum nächsten Winter. Auf Schneematsch und vereiste Straßen Ende März (wie im vergangenen Jahr) würde ich gerne verzichten.

Nicht aber auf Schnee im Februar, hoch in den Bergen.

Mit einem Satz springt das Kind aus dem Bus, wirft sich in den nächsten Vorgarten und wedelt, auf dem Rücken liegend, wild mit Armen und Beinen. Dann steht es auf, hüpft herum und zeigt mir begeistert den Schnee-Engel, den es geformt hat.

Ich freue mich, meine Tochter ausgelassen zu sehen. Zeit zu haben. Einmal ganz für sie dasein zu können. “Du kümmerst Dich viel mehr um meine Schwester als um mich”, hatte sie mir vor einiger Zeit vorgeworfen. Könnte ihre einjährige Schwester schon richtig sprechen, würde sie wahrscheinlich dasselbe sagen. Wie das halt so ist bei Geschwistern. Aber gerade deshalb ist es schön, mit jedem Kind auch mal alleine Zeit verbringen zu können. Umso mehr, wenn man zusammen etwas Schönes erlebt. Wie der erste Skiunterricht am nächsten Morgen.

Begeistert begutachtet das Kind seine roten Kinderski, die ihm der Skiverleiher reicht. Ich hingegen betrachte etwas misstrauisch das hellblau-weiß gemusterte Paar, das mir zugeteilt wurde. “Nein”, antworte ich dem ungläubig dreinblickendem Skiverleiher, “ich habe wirklich noch nie auf Brettern gestanden.”

Dann geht es los. Das Kind besucht die Kinderskischule, gemeinsam mit vier Gleichaltrigen . Zwei Stunden lang geht der Kurs. Am Anfang schaue ich zu, dann bin ich selber dran, nur ein paar Meter vom Kind entfernt.

Ich bekomme eine Privatstunde – vom Chef persönlich, einem freundlichen Mann mit braun gebranntem Gesicht und weißem Vollbart. Vor 65 Jahren, seinem Geburtsjahr, hat sein Vater die Skischule Todtnauberg im Südschwarzwald gegründet. Er selber fährt in etwa so lange Ski wie er laufen kann und hat in den vergangenen 45 Jahren unzähligen Anfängern wie mir das Skilaufen beigebracht.

“Prima, dass Du noch nicht Skifahren kannst”, sagt er mir aufmunternd, “dann kann ich dir ja besonders viel beibringen.”

Das Kind lernt Roller fahren (erstmal nur mit einem Ski am Fuß vorangleiten und sich mit dem anderen Fuß abstützen), Hausdach (bremsen), Auto lenken (mit einem runden Hütchen in der Hand, das ein Lenkrad darstellen soll).

Mir erklärt der Skilehrer den Aufbau des Skis, die Tricks beim Wenden, die Kunst des Bremsens.

Ich krache ein halbes Dutzend Mal in den Skilehrer hinein. Das Kind, so beobachte ich aus dem Augenwinkel heraus, plumpst dafür immer wieder in den Schnee. Nach dem Kurs muss ich kurz nachdenken. Dann notiere ich 1:1. Der aktuelle Stand des Mutter-Tochter-Skiwettstreits.

Fünf Stunden später revidiere ich mich. Mir schmerzen sämtliche Muskeln, das Kind spürt: nix. 2:1 fürs Kind, notiere ich.

Am nächsten Tag schneit es wie wild. Wir kosten andere Schwarzwaldaktivitäten aus. Das Kind nimmt an einem Brezelbackkurs im Kurhaus teil, ich probiere Schwarzwälderkirschtorte. Ich wandere auf Schneeschuhen, das Kind schlägt sich mit anderen Kindern wacker in einer Schneeballschlacht. Das Hotel lockt mit Schwimmbad, Kinderbereich, Bastelstunden – und einer Auszeichnung: als kinderfreundlichste Unterkunft vor Ort.

Dann wird es Zeit für den zweiten Durchgang.

“Skifahren ist babyeierleicht”, bekundet das Kind.

Ich bin selbstkritischer. “Also am Bremsen”, sage ich zum Skilehrer, “muss ich wirklich noch arbeiten.”

Stand nach dem 2. Skikurs: 3:2. Ich würde sagen, wir halten uns etwa gleichlang auf den Brettern.

Vom Schnee hat das Kind aber noch lange nicht genug: “Rodeln!”, fordert es.

Also rodeln wir. So lange bis wir die letzten auf der Piste sind. Wir purzeln in Schneehügel, blinzeln in die Schneeflocken hoch, sausen den Hügel hinunter (und gemütlich wieder hoch, da es ein Förderband gibt). Längst ist kein Einheimischer mehr zu sehen und auch kein Tourist. Nur wir beide, pudelnass vom Schnee.

Am Abend schläft das Kind schnell ein. Ich auch.

Dann ein letzter Durchgang. Ich komme immerhin eine 100 Meter lange Hügelpiste runter, das Kind saust dafür durch die Beine der Skilehrerin durch.

Nach dem Skikurs hat es einen Ratschlag für mich: “Ich hatte früher (also am Vortag?!) auch Angst. Das geht vorbei, Mama. Du musst einfach fahren.”

Fahren müssen wir tatsächlich. Wieder nach Hause.

“Schade”, sagt das Kind.

“Schade”, sage auch ich.

Skiprofis sind wir natürlich nicht geworden. Aber wir haben Gefallen daran gefunden. Wer weiß, vielleicht kehren wir ja eines Tages zurück. Und zeigen dem Papa und dem Kleinkind, wie man sich auf Brettern hält. Oder machen einfach wieder einen Mädchenurlaub.

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Mädchenurlaub im Schnee”

  1. Ruth

    Schön wieder etwas von dir zu lesen.
    Das Szenario erinnert mich doch sehr an lange vergangene Skiurlaube mit der Familie, nur das ich nicht selber auf den Brettern gestanden habe. Nach zwei erfolglosen Versuchen habe ich dann eher dafür gesorgt, dass der Nachwuchs es vernünftig lernt und mit Papa zusammen den Hang hinuntersausen kann.
    Früher Papa vorn vorweg und die Kinder im Bogen hinterher, heute die Kinder flott nach unten und dann auf Papa wartend.
    So ändern sich die Zeiten…..
    Liebe Grüße aus dem schon frühlingshaften Münsterland

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