Im Fadenkreuz der Ente

Kürzlich gingen mein Mann und ich nachts im Park spazieren. Um genau zu sagen, waren wir auf dem Rückweg nach Hause nach einem kinderfreien Abend. Just in dem Moment, als wir uns darüber unterhielten, dass wir ruhig öfter die Kinder in fremde Obhut geben könnten, um etwas zu zweit zu unternehmen, ertönte ein “Quak” irgendwo in der Dunkelheit.

“Ha!”, rief ich.

“Ja”, stimmte mein Mann mir wissend zu, “wir werden von einer Ente beobachtet.”

Vor rund zwei Jahren habe ich ein lustiges Buch gelesen ( “Pfui Spinne, Watte, Knopf!”) , von einer Dame, die über merkwürdige Phobien und Ängste schrieb. Sie selber litt an einer Knopfphobie. Das heißt, sie ekelte sich vor Knöpfen und trug ausschließlich Kleidung mit Reißverschlüssen. In ihrem Buch beschrieb sie auch die Geschichte einer Frau, die einen absoluten Ekel empfand, wenn sie mit Füßen in Berührung kommen musste, die eigenen eingeschlossen. Beim Waschen und Anziehen vermied sie es, ihre Füße anzuschauen. Ihr schlimmstes Erlebnis war ein Beinahe-One-Night-Stand mit einem Fußfetischisten.

Am besten gefiel mir in den Schilderungen der Autorin jedoch die sogenannte Anatidaephobie: die Angst von einer Ente beobachtet zu werden.

Als ich das erste Mal davon las, musste ich lachen. “Mein Gott”, sagte ich zu meinem Mann, “wann wird man schon von einer Ente beobachtet?”

Ich möchte mich nicht über Leute lustig machen, die sich vor etwas ängstigen oder fürchten. Ich selber leide an einer ausgeprägten Hai-Phobie, was ich im Nachhinein darauf zurückführe, dass mein fünf Jahre älterer Cousin mich als Grundschulkind vor den Film “Der weiße Hai” gesetzt hat. Ich habe in Selbsttherapie Aqua-Zoos besucht, Studien gelesen, selber über Haie geschrieben. Ich weiß, dass Haie sich eher vor Menschen fürchten müssen als umgekehrt. Dennoch. Im Urlaub brauche ich keine zwei Meter ins Meer hinaus zu waten, schon befürchte ich einen Angriff der Bestie.

Aber Enten, dachte ich. Wann beobachtet einen schon eine Ente?

Heute weiß ich: ständig. Worauf mich nicht zuletzt meine anderthalbjährige Tochter aufmerksam macht.

“Da”, schreit sie aufgeregt und zeigt mit ihrer kleinen Hand ins Gebüsch, wann immer wir irgendwo im Grünen spazieren gehen, “quak quak!”

“Da”, ruft sie und zeigt auf ein entenförmiges Kissen im Wohnzimmer, “quak quak!”

“Da”, quiekt sie entzückt auf und blickt auf das Kaffeeservice einer Bekanten, dessen Muster ein ländliches Panorama samt Ente zeigt, “quak quak!”

“Mmh”, sage ich zu meinem Mann, “es wimmelt tatsächlich überall von Enten.”

Vor einiger Zeit waren wir mit dem Kindern im Park, Enten füttern (“Das darf man nicht!”, schreiben jetzt bestimmt die Nörgler unter den Lesern).

“Da!” Meine kleine Tochter war entzückt: “quak quak!”

Leider stürzte sich die Ente viel zu schnell auf das Kind, das ein paar Brösel in der Hand hielt. Entsetzt vor dem zuschnappenden Schnabel zurückweichend, rannte es zurück in meine Arme.

“Quak quak”, wimmerte es und klammerte sich mit aller Kraft an mir fest, “quak quak.”

“Oje”, sage ich zu meinem Mann. “Ich glaube, wir haben unsere Tochter gerade zu einer Anatidaephobikerin gemacht.”

 

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