Hurra, hurra, die Schule brennt…

Heute morgen in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit sah ich mich unverhofft von einer Schulklasse umzingelt. Normalerweise verschanze ich mich in der U-Bahn hinter einem Buch oder einer Zeitschrift oder – zunehmend häufiger – hinter mein Handy, um mit den viel zu vielen sozialen Netzwerken Schritt halten zu können. Aber heute krachte ein Rucksack, der an einem dicklichen Jungen hing, schwungvoll gegen meine Schulter. Ich legte das Handy weg und blickte mich um. “Mmh”, dachte ich, “Zeit für eine kleine Sozialstudie”.

Der dickliche Junge neben mir, der – Klischee sei Dank -  auf den Namen Kevin hörte, fachsimpelte mit seinem Kumpel, beide um die 13, über Handys und Kameras. “Ah, die Nerds”, kategorisierte ich die beiden schubladengerecht ein.

Eine Sitzreihe weiter kicherten zwei Mädchen, die farbenfroh gestrickte Schals und Mützen trugen, die eine hatte einen Greenpeace-Button am Rucksack (“Ökos!”).

Im Eingangsbereich stand ein ernst blickendes Mädchen und unterhielt sich angeregt mit dem Lehrer (“Streberin!”).

Und auf dem Viererplatz neben mir lungerten drei Jungs: ein Blonder mit Föhnwelle, ein auf cool getrimmter Baseballcapträger und ein wahrscheinlich später Jura oder BWL studierender 13-Jähriger mit Gel im Haar und teuren Markenklamotten am Leib. Der Blonde mit der Föhnwelle hielt lässig-gelangweilt die Hand eines Mädchens, ein Teenie mit rehäugigem Blick, langem, glattgebürsteten Haar und zartrosa geschminkten Lippen.

“Du lieber Himmel”, dachte ich, “bin ich froh, dass die Schule schon lange hinter mir liegt.” Denn: Genau so sah auch meine Schulklasse aus. Und das Schlimme ist: Die Leute verändern sich auch im Erwachsenenalter nicht großartig.

Zehn Jahre nach meinem Abitur habe ich mich – zum ersten und letzten Mal – zu einem Ehemaligentreffen begeben: Die Schulschönheit hatte einen Profifußballer geheiratet und lebt mit ihm im Ausland. Die “coolen” Jungs arbeiten heute in der Werbebranche. Aus zwei Strebern wurde ein miteinander verheiratetes Lehrerehepaar. Die Leute, die mir schon früher auf die Nerven gingen, tun es auch noch heute. Und mit denjenigen, die ich mochte, bin ich auch heute noch mehr oder weniger in Kontakt. Die Neugier, wie der eine oder die andere jetzt wohl aussieht, kann ich durch heimliches Facebookstalken befriedigen.

Nein, ich glaube, ich habe mit der Schule abgeschlossen.

Dachte ich jedenfalls bis kürzlich.

Dann trudelte der Einberufungsbefehl ein. Die Schulbehörde Hamburg lud meine Tochter zu einem Einschätzungsgespräch in die für uns zuständige Schule ein.

Das Kind war begeistert. Ich hingegen muss mich erst noch an den Gedanken gewöhnen, dass ich mich nun doch wieder mit dem Thema Schule und allem, was dazu gehört, beschäftigen muss.

Zum Glück wurde mein Kind kurz nach dem so genannten Einschulungsstichtag geboren. Das bedeutet eine Gnadenfrist bis nächstes Jahr. Bis dahin betreibe ich Sozialstudien. Und pfeife, wie heute Morgen, nachdem ich aus der U-Bahn ausgestiegen war, “Hurra, Hurra, die Schule brennt!”

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