Krippenspiel

Meine Tochter, ich erwähnte es bereits, besucht einen christlichen Kindergarten. Selbstverständlich studieren die Erzieher mit den Kindern ein Krippenspiel ein. Seit Ende November ist jeden Mittwochnachmittag von 15 bis 16 Uhr Probe.

Jeden Mittwochnachmittag um 16 Uhr, wenn ich meine Tochter abhole, gibt es Anlass zur Unruhe.

“Wir werden ein Krippenspiel spielen”, erzählt mir das Kind an Mittwoch Nr. 1 ganz aufgeregt. “Ich möchte die Maria sein.”

“Mmh”, sage ich.

“Hier ein Zettel für dich”, sagt das Kind und drückt mir ein leicht zerknüddeltes Blatt Papier in die Hand, “schreib auf, dass ich Maria sein will”. Kurz überfliege ich das Anschreiben und erfahre, dass das Krippenspiel Heilig Mittag (der Begriff stammt von mir, nicht vom Verfasser des Zettels), in der Kirche aufgeführt werden soll. Die Eltern werden gebeten, Rückmeldung zu geben, ob sie denn da sein werden.

Abends setze ich mich hin und kreuze “Ja” an. Und schreibe dazu: Meine Tochter möchte gerne Maria sein.

Eine Woche später, Mittwoch Nr. 2, 16 Uhr:

“Heute haben wir die Rollen verteilt”, teilt mir meine Tochter mit, die Wangen rot vor Aufregung.

“Und?”, frage ich und schiele vorsichtig auf ihre Augen. Zumindest sehen sie nicht verheult aus. “Wen spielst du?”

“Den Stern von Bethlehem”, antwortet sie stolz.

“Oh”, sage ich, “eine sehr wichtige Rolle.”

“Mit R. zusammen”, erklärt meine Tochter und zeigt auf ihre Freundin.

“Es gibt zwei Sterne von Bethlehem?”, frage ich irritiert.

“Nein”, antworten beide Mädchen wie aus einem Munde, “wir sind beide der Stern.”

“Ich wollte kein Engel sein”, erklärt R. mir, “die haben so komische Kleider an.”

“Also seid ihr jetzt zusammen der Stern von Bethlehem”, resümiere ich.

“Ja”, pflichtet R. mir bei. Meine Tochter nickt. “Ja, wir werden mit Stundenkleber zusammengeklebt.”

“Ah ja”, denke ich und lasse die Sache erstmal auf sich beruhen.

Mittwoch Nr. 3, 16 Uhr: Aufgeregt wirbelt die Erzieherin meiner Tochter durch den Gang. “Gerade gab es wieder eine Unklarheit bezüglich des Krippenspiels”, wirft sie in den Raum. “Können die anwesenden Eltern (zwei Personen: Mutter A. und ich) kurz sagen, ob sie denn nun Weihnachten da sind?” Brav nicken Mutter A. und ich. “Wir haben doch diese Zettel ausgefüllt”, wage ich einzuwerfen.

“Zettel sind geduldig”, entgegnet die Erzieherin.

Derweil nähert sich völlig aufgelöst die Tochter von Mutter A.

“Unser Krippenspiel, unser Krippenspiel”, bringt sie aufgeregt hervor. “Wir haben viel zu wenige Hirten, weil ein Junge Weihnachten nicht da ist.”

“Dein Bruder ist doch ein Hirte”, beruhigt Mutter A. sie. “Das ist doch zumindest einer. Wie viele Schafe seid ihr denn überhaupt?”

“Na nur ich”, antwortet ihre Tochter verständnislos.

Meine Tochter steht daneben und nickt ihr bestätigend zu. Dann fangen beide an zu singen: “Stern über Bethlehem”.

Nun nähert sich Mittwoch Nr. 4. Die Generalprobe. Ich bin gespannt, was mich diesmal erwartet.

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3 Kommentare zu “Krippenspiel”

  1. Wicki

    Da bin ich aber jetzt auf die Fortsetzung gespannt. Ich war auch in einem christlichen Kindergarten, irgendwie kommt mir das bekannt vor, uns fehlten auch immer die Hirten.

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    • Frau Sisyphos

      @Wicki Das Krippenspiel in der völlig überfüllten Kirche war sehr nett – nachdem mir der Chorleiter bei der Generalprobe eine Woche vorher im völligen Vorweihnachtsstress noch nahe legte, ich könne ja noch “kurz” dem Kind ein Kleid nähen und Requisiten basteln… Es lebe die Improvisation!

      Antworten

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