Unter Promis

“Ich glaube, ich habe gerade einen Fernsehpromi vorne an der U-Bahn-Haltestelle gesehen”, sagt mein Mann und zieht die Haustür hinter sich zu.

Neugierig blicke ich von meiner Zeitschrift auf. Leider erfülle ich da ganz das Weiblichkeitsklischee. Promis und Klatsch, noch dazu in der Nachbarschaft, interessieren mich brennend.

“Also”, fährt mein Mann fort, “da gibt es doch so einen künstlich wirkenden Typen mit aufgespritzten Lippen und scharzem Bart …”

“Ah”, unterbreche ich ihn wissend, “du meinst Harald Glööckler, den Modedesigner.”

“Keine Ahnung, wer das ist”, sagt mein Mann und zuckt mit den Schultern. “Aber ich habe ihn erkannt.”

Was ein ziemliches Wunder ist. Mein Mann könnte – sagen wir mal – einen Abend lang zwischen Julia Roberts und George Clooney sitzen, ohne zu wissen, wer da so nett mit ihm plaudert. Er interessiert sich nicht für Promis. Und er leidet an Gesichtsschwäche.

Kein Scherz, es gibt sogar ein Krankheitsbild, das diese Schwäche beschreibt. Leute mit Gesichtsschwäche (wie auch immer das medizinisch heißt), erkennen ihre Bekannten am Gang, an der Stimme, an der Gestik, aber nicht am Gesicht. Ganz so schlimm ist es bei meinem Mann nicht. Gute Freunde und Bekannte identifiziert er problemlos, allerdings bekommt er Schwierigkeiten, wenn er eine Person nur flüchtig kennt (oder halt aus dem Fernsehen).

In einer Stadt wie Hamburg ist es nicht ganz ausgeschlossen, ab und zu jemanden aus Film und Fernsehen zu begegnen. Tatsächlich ergeht es selbst mir manchmal so wie meinem Mann. Trotz gewissenhafter – natürlich rein beruflicher – Lektüre diverser Frauenzeitschriften, erkenne ich Prominente nicht unbedingt, wenn sie unverhofft irgendwo auftauchen und dabei so gar nicht ihrer Rolle entsprechen.

Zum Beispiel den Schauspieler, der in dem selben Haus wie ich sein Büro hat und den ich nur aufgrund des Klingelschilds erkannt habe. Weil er nicht wie in seiner Rolle als Fernsehkommissar mit gestyltem Haar und Lederjacke darherkam, sondern mit Lesebrille und Wollpullover.

Oder die Nachrichtenmoderatorin, deren Kind denselben Kindergarten besucht wie meine Tochter. Weil sie morgens mit einem bockigen Kind am Bein nicht so souverän lächelt wie in ihrer Sendung. Und deren Haare dann auch weniger perfekt wirken wie beim Vortragen der Nachrichten.

Oder wie eine junge Frau, mit der ich mich an einem Abend vor vielen Jahren wirklich nett unterhalten habe. Eine Blondine mit Jeans und Baseballcap, die freundlich war, natürlich wirkte (!) und wie ich gerne Schokolade aß. Und die sich später als Jenny Elvers entpuppte.

Ich frage mich, wie es solchen mehr oder weniger bekannten Menschen wohl ergeht, wenn sie einfach nur als Tourist, Mutter, Kollege oder Schokoliebhaber irgendwo auftauchen und von Leuten angestiert werden, die versuchen, sie irgendwie einzuordnen.

Vor einem Jahr etwa erhielt ich eine Email über einen Reiseblog, den ich damals schrieb. Auf dem Blog waren Fotos von uns veröffentlicht. “Kann es sein”, schrieb die Absenderin, die offenbar nicht an Gesichtsschwäche litt, “dass ich Euch heute an der Ampel der Straße xy gesehen habe?”

Ich war verblüfft. “Jetzt ist es soweit”, sagte ich zu meinem Mann, “jetzt sind wir Promis.”

Zumindest fühlte es sich genau so an.

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Unter Promis”

  1. Mama arbeitet

    Hehe, kenne ich. Bin vor kurzem hier in Konstanz auf der Strasse erkannt worden, von einer wildfremden, freundlichen älteren Dame. Die meinen Blog liest. :)

    Viele Grüsse, Christine

    Antworten

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