Happy Halloween!

Mit Halloween haben ja so manche Leute ihre Schwierigkeiten. Leute in meinem Alter etwa oder älter sagen: “Neumodischer Quatsch! Das gab es früher nicht. Warum sollen wir das jetzt feiern?”

“Halloween! Halloween!”, brüllt hingegen das Kind.

“Halowi! Halowi”, pflichtet seine kleine Schwestern ihm bei und klatscht in die Hände.

Kinder finden Halloween super. Kann ich verstehen. Verkleiden, Süßigkeiten, alle Klingelknöpfe in der Nachbarschaft drücken. Dazu gruselige Kürbisfratzen, Kerzen, unheimliche Geräusche. Hätte mir als Kind auch gefallen. Aber, ja: Das gab es früher nicht.

Im Kindergarten meiner Tochter findet Halloween nicht statt. Es ist ein katholischer Kindergarten. Unsere Tochter besucht den katholischen Kindergarten nicht deshalb, weil wir besonders kirchlich sind. Sondern weil sie dort einen Platz bekommen hat.

Uns gefällt der Kindergarten. Allerdings: Halloween wird dort nicht gefeiert, sondern Erntedankfest und St. Martin. Traditionelle Feste.

Dafür waren meine Kinder nachmittags nach dem Kindergarten zu einer Halloweenparty eingeladen. Bei einer Freundin, die zwei Kinder im gleichen Alter hat. Meine Töchter gingen als Hexen. Das bedurfte einige Tage guten Zuredens.

“Ich will als Prinzessin gehen!”, hatte das Kind noch vor einer Woche gefordert.

“Nein!”, sagte ich, mich plötzlich in der Rolle einer Halloween-Expertin wiederfindend. “Man verkleidet sich nicht als Prinzessin, sondern als etwas Gruseliges.”

“Naja”, flüsterte mein Mann mir zu. “Ich persönlich finde diese pinken Prinzessinnenkostüme extrem gruselig.”

Das Hexenkostüm ist rot-orange. Unser Kompromiss zwischen pinker Prinzessinenrobe und grauem Geistergewand. Die Freunde meiner Tochter waren als Drachen und Monster verkleidet. Begeistert rannten die Kinder von Tür zu Tür, um Süßigkeiten einzufordern.

Die Konkurrenz ruhte nicht. Scharen von Kindern tobten durch die Straßen.

“Wie?”, fragte eine Frau unsere Kinder. “Ihr könnt nur ,Süßes oder Saures’ rufen? Könnt Ihr denn gar kein Gedicht?”

Ich musste an Weihnachtsfeste in meiner Kindheit denken, wo erst stundenlang gegessen, auf der Blockflöte gespielt, Gedichte aufgesagt und gesungen werden musste, bevor es endlich, endlich Geschenke gab. Halloweengedichte kenne ich nicht. Aber google, wie ich später rausfand. Wer “Halloween Sprüche” eingibt, stößt auf 993.000 Ergebnisse.

Auch die Freunde meiner Kinder sahen sich ratlos an. Bislang wurden entweder die Türen nicht geöffnet oder es gab eine Handvoll Süßigkeiten.

“Klar kenne ich ein Gedicht”, erwiderte hingegen meine Tochter schlagfertig und setzte an: “Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name…”

Als meine Tochter das Vaterunser zu Ende gebetet hatte, bekam sie einen Schwung Süßigkeiten in ihr Körbchen. “Ich halte Halloween ja für neumodischen Quatsch”, erklärte mir die sehr verdutzt aussehende Dame. “Aber schön, dass die Kinder auch noch traditionelle Werte kennen.”

“Mmh”, meinte ich, nicht minder verdutzt auf mein Kind stierend. “Happy Halloween!”

 

 

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3 Kommentare zu “Happy Halloween!”

  1. Ilse

    Großartige Geschichte! Da staunt man einfach nur Bauklötze… ;-)
    In den sehr nördlichen Bundesländern hat Halloween zum Glück auch noch keinen Einzug erhalten – die Kinder verkleiden sich, alter Tradition folgend, zu Silvester gruselig und stapfen von Tür zu Tür… Und dort, auf Süßigkeiten wartend, wird ein Neujahrsgedicht auf Plattdütsch vorgesungen… Gefällt mir viel besser als Halloween… :)

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  2. Alex

    Haarig wird es, wenn man Halloween nicht gut findet weil es den Refomationstag in Vergessenheit geraten lässt. Wenn dann Kinder an unserer Tür klingeln und die von uns keine Süßigkeiten mit ebendieser Begründung bekommen, macht man sich in der Nachbarschaft richtig beliebt. Ich hoffe nur, dass unser Zweijähriger in ein paar Jahren nicht auch unbedingt auf den Gruselstreifzug durch die Nachbarschaft mit muss.

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