Ein Traum in Weiß

“Wow!”, sagt der Mann und blickt mich an. “Außergewöhnlich schön.”

Derart direkte Komplimente von fremden Männern erfahre ich – nun ja – nicht täglich. Ich räusperte mich verlegen. “Naja”, erwiderte ich. “Also so besonders…”

“Doch, doch”, insistiert der Herr. “Keine falsche Bescheidenheit. Ein Traum in Weiß.”

Der Mann ist mein Zahnarzt. Er stiert mir in den Rachen. Anderen Leuten, einschließlich mir selber, fallen meine Zähne nicht weiter auf. Es sind halt Zähne. Zugegebenermaßen gerade Zähne.

Es gibt Frauen, die werden von Männern aufgrund ihrer schönen Augen angesprochen. Oder weil sie wallendes, glänzendes Haar haben. Eine aparte Figur. Oder alles zusammen. Ich werde von klein auf für meine Zähne bewundert. Zumindest von Zahnärzten.

A., meine langjährige Freundin, hatte als Schulkind eine Zahnspange. Sie war lila mit silbernen Glitzerpartikeln. A. trug sie in einer roten Plastikdose mit sich herum, die ein Band hatte, welches man sich um den Hals hängen konnte. Ich war schwer beeindruckt.

Ich bettelte meine Mutter an, mit mir zum Zahnarzt zu gehen. Dann flehte ich den Zahnarzt an, mir eine Spange zu geben. Aber er sagte nur: “Doch nicht bei deinen schönen Zähnen.”

Als ein Jahr später der Schulzahnarzt unsere Klasse besuchte, musterte er streng die Gebisse jedes einzelnen Kindes. “Karies, da muss gebohrt werden”, mahnte er bei einem an. “Zahnklammer, aber schnell”, urteilte er beim nächsten. Schließlich kam ich an die Reihe. Schweigend mussterte er das Innere meines Mundes. “So”, sagte er endlich. “Du stellst dich jetzt mal nach vorne vor die Klasse und zeigst den anderen, wie schön deine Zähne sind.”

Dass ich kein tief verwurzeltes (im wahrsten Sinne des Wortes) Zahnarzttrauma habe, grenzt an ein Wunder.

Im Studium war mein Zahnarzt erstaunt, dass ich keine Plombe und kein einziges Löchlein hatte. Und der Zahnarzt, den ich seit einigen Jahren in Hamburg habe, scherzt immer, dass er bald arbeitslos wäre, hätten alle Menschen Zähne wie ich. Zu seinem Glück für ihn gibt es auch Menschen wie meinem Mann, an dem er schon mal eine Stange Geld verdient hat.

Nun habe ich selber Kinder – mit bislang geraden, weißen Milchzähnen. Im vergangenen Jahr wollte meine ältere Tochter erstmals mit zu meiner jährlichen Routineuntersuchung.

“Ah”, rief der Zahnarzt, der mich nur alle zwölf Monate zu Gesicht bekommt, damit ich einen Stempel in mein Stempelheftchen bekomme. “Die Frau mit den schönen Zähnen.”

Dann wandte er sich meiner Tochter zu. “Du willst doch bestimmt auch so gute Zähne haben, oder?” Das Kind nickte eifrig. Menschen in weißen Kitteln flößen ihm Respekt ein. “Dann musst du aber auch immer schön ordentlich die Zähne putzen wie die Mama!”

Der tägliche Kampf ums Zähne putzen ist seither erheblich leichter geworden.   Vielleicht sollte ich nächstes Jahr auch das kleine Kind zur jährlichen Zahnkontrolle mitnehmen. Endlich kann ich sie mal gezielt einsetzen. Meine Zähne, Traum aller Zahnärzte.

 

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