Im Heimatfilm

Zu den Menschen, die behaupten, sie schauen nie Fernsehen oder wenn überhaupt, dann nur anderthalbstündige Dokus auf Arte oder mit Preisen überschüttete US-Serien – beide natürlich im Original – gehöre ich nicht.

Ich schätze einen gepflegten Krimi am Sonntagabend (so lange darin keine Kinder abgemurkst werden), die eine oder andere Serie (gerne mit Preisen überschüttet, aber ebenfalls gerne: auf Deutsch) oder von mir aus auch mal irgendeinen Hollywood-Blockbuster, der erstmals im „Free TV“ gezeigt wird. Übrigens frage ich mich, warum im Fernsehen und Kino so viele Anglizismen vorherrschen. Ich bezweifele, dass der durchschnittliche Fernsehzuschauer beispielsweise weiß, was Suburgatory (US-Serie, keine Ahnung, ob mit Preisen überschüttet) heißt. Aber ich schweife ab.

Was ich mit Garantie nicht schaue, sind Bergdoktorserien, Volksmusiksendungen und vor allem: Heimatfilme.

Obwohl ich sie nicht schaue, ahne ich: Darin wimmelt es von Mundarten, Lederhosen, Dirndl, Volksmusik, Edelweiß und, sagen wir mal, anderen Alpenklischees.

Nun befinde ich mich selber in einem Heimatfilm. Statt unter Altbaustuck schlafe ich unter dunkler Holzvertäfelung. Statt Spaghetti mit Tomatensoße gibt es Knödel. Statt dem norddeutschen „Moin“ höre ich „Griaß di“. Statt auf flache Hamburger Straßen blicke ich auf schneebedeckte Berge.

Denn: Ich bin in Tirol. Berufsbedingt. Ohne Mann. Ohne Kinder.

„Es ist wie im Fernsehen, so wie in einem Heimatfilm“, erzähle ich meinem Mann via Skype und komme mir selber ein wenig dämlich vor.

„Woher willst du das wissen? Du schaust keine Heimatfilme“, erwidert mein Mann, der in seiner Kindheit häufig mit seinen Eltern in den Alpen war.

„Ja trotzdem“, sage ich.

Allen Moralaposteln möchte ich im vorauseilendem Gehorsam entgegenschleudern: Ja, ich gestehe, ich bin zwar schon um die ganze Welt geflogen, aber nein, ich war noch nie in Tirol. Und, nein, überhaupt noch nicht in den Alpen.

Auch die Tiroler sind fassungslos. „Wos?!“, sagen sie. „Du bisch nou nia in Tirol gweisa?“

Mein Kind, das ebenfalls noch nie in Tirol war, scheint sich besser auszukennen als ich. Diversen Berg-Kinderbücher sei Dank.

„Bist du auf der Bergspitze gewesen? Hast du einen Steinbock gesehen? Trägst du ein Dirndl?“, sprudelt es mir via Skype entgegen.

Seine Schwester gluckst derweil und versucht den Bildschirm anzufassen, während ich einen Plüschsteinbock, den ich für sie erstanden habe, vor der Kamera hin- und herschwenke.

„Und?“, will mein Mann wissen. „Gefällst es dir denn?“

Die ersten drei Fragen muss ich verneinen: Kein Gipfel, kein Steinbock, kein Dirndl (jedenfalls nicht an mir, dafür an fast jeder Kellnerin).

Über die Frage meines Mannes habe ich auch schon nachgedacht. Ein wenig misstrauisch vor mir selber beobachte ich meine Umgebung: mit Holzschindeln bedeckte Kapellen, Kühe mit Glocken um den Hals, Männer in Lederhosen, Kruzifixe in den Zimmerecken, Akkordeonmusik zum Mittagessen.

Ja, denke ich zu meinem Erstaunen. Tirol gefällt mir. Trotz oder wegen aller Klischees. Vielleicht werde ich später einmal mit Mann und Kindern zum Familienurlaub zurückkehren.

Nur eines, das weiß ich sicher, werde ich auch künftig nicht tun: Heimatfilme sehen. Sondern nach wie vor lieber Krimis. Die allerdings möchte ich im Urlaub nicht nacherleben. Auch nicht in Tirol.

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2 Kommentare zu “Im Heimatfilm”

  1. die Frau aus Schloß Neuhaus

    Wie bitte? Du schaust KEINE Heimatfilme? (Achtung: Ironie off!) Es gibt kaum was Schöneres, um an einem verregneten Sonntag nachmittag auf dem Sofa rumzugammeln und sich solcherlei Kleinode zu Gemüte zu führen! Ich freu mich schon drauf wenn die Kinder groß genug sind daß ich ohne schlechtes Gewissen stundenlang am hellen Tag nix anderes tun kann als fernsehen. “Die Fischerin vom Bodensee” – herrlich! Filme mit dem jungen Freddy Quinn – hach! “Das Rosenresli” – welch entzückender Kitsch! “Die Geierwally” – Sozialkritik in schönster Nachkriegsästhetik! Und das geht auch ohne Alpenpanorama: Heinz-Erhardt-Filme ja sowiese, aber bei ‘nem schönen Heintje-Film schalte ich auch nicht weg. Wobei die Alpenfilme im Kontext der Zeit und der Zielgruppe natürlich klar die größeren Straßenfeger waren… Aber ganz ehrlich: hinfahren wollen würde ich auch nicht. Für meinen Geschmack ist da einfach für einen Urlaub das Meer zu weit weg! Frohes Schaffen noch!

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  2. Andrea

    Da muss ich auch mal empört schauen o.o
    Ich mag persönlich auch eigentlich keine Heimatfilme, Bergdoktorenserien und auch nicht unbedingt deutsche Krimis. Ich bin (abgesehen davon, das ich eine Leseratte von u.a. anspruchsvollem Krimis/Thrillern bin), ein kleiner Serienjunkie :) Ich schäme mich auch nicht dafür ^^ Big Bang, Two Broke Girls …. sind ein schöner Alltagsabschluss!!! ALLERDIIIIINGS gibt es eine Heimafilm-Trilogie, die ich mir jedes Jahr zu Weihnachten nicht entgehen lasse. Pflichtprogramm!!! Ein absoluts Muss!! SISSI
    Dort sind alle Klischees doppelt und dreifach vertreten, Kitsch pur, traumhafte Landschaften ….. einfach nur schöön :)

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