Mutterpanik

Ich wollte diesen Blogbeitrag bereits am Wochenende schreiben. Aber da musste ich meine Familie zu Grabe tragen. Zum Glück nur gedanklich.

Die Familie war unterwegs. Ich bin zu Hause geblieben. “Toll”, sagte Freundin A., “dann hast du ja ein freies Wochenende.”

Sicher. Aber ein von Panik überschattetes. Denn: Ich kann mich sehr ausgiebig in Schreckenszenarien hineinsteigern. Seit ich Kinder habe, hat sich das nicht gerade gebessert.

Als sich meine Frauenärztin während meiner Schwangerschaft bei einer Ultraschalluntersuchung einmal ungewöhnlich laut räusperte, war ich mir sicher: Das Baby ist tot oder sehr krank. Sie überlegt, wie sie es mir behutsam beibringen soll. De facto hatte sie wohl nur einen Frosch im Hals.

Verliere ich mein Kind auf dem Spielplatz aus den Augen, wähne ich es in den Fängen eines Pädophilen. Bildlich sehe ich vor mir, wie die kleinen Hände gegen die Heckscheibe seines Wagens schlagen, während er Gas gibt und davonrauscht. Während ich hektisch über den Platz laufe und in jedes Spielhäuschen schaue, erscheint es mir vollkommen logisch, dass sich Pädophile natürlich auf Spielplätzen umsehen und natürlich (ein Aspekt, den ich anderen Spielplatzmüttern nicht erzähle) das hübscheste – sprich: mein Kind – aussuchen würde.

Saust mein Kind zu schnell mit dem Fahrrad auf eine Straße zu, höre ich schon mit meinem geistigen Ohr (warum soll man nur immer was vor dem geistigen Auge sehen?) Hupen tröten, Bremsen quitschen, die Sirene des Rettungswagens aufschrillen.

Und die Zeit, wenn die Töchter größer werden und Vergewaltigungsdrogen, fiesen Cypermobbern oder besoffenen Autofahrern, die sie von der Disco nach Hause bringen sollen, ausgesetzt sein könnten, will ich mir noch gar nicht ausmalen.

Ich will nicht zu den überängstlichen Müttern zählen, die ihr Kind rund um die Uhr bewachen und es keinen Schritt alleine tun lassen. Ich will mich nicht voller Ängste ob gefährlicher Krankheiten von Urlauben fernhalten lassen, die sich jenseits der deutschen Grenzen abspielen oder den Bewegungsdrang meines Kleinkindes bremsen, in dem ich es nicht  alleine auf Mauern balancieren und Rutschen runtersausen lasse.

Aber manchmal überkommt es mich. Nämlich vor allem dann, wenn mein Mann und die Kinder alleine unterwegs sind. Mit dem Auto über die Autobahn. So wie Sonntag, wo ich am Schreibtisch vor dem Rechner saß, um eigentlich diesen Blogbeitrag zu schreiben und stattdessen auf Uhr und Fenster stierte, weil die Familie schon längst zurück sein sollte.

Würde die Polizei vor meiner Haustür stehen und mich mit ernster Miene bitten, mich zu setzen? Könnte ich alleine die Wohnung halten und würde ich darin überhaupt noch wohnen wollen? In dem Moment, als mir einfiel, dass ich mich gar nicht mit Friedhöfen in Hamburg auskenne, drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Die Familie war zurück.

“Wir waren doch nur zwei Tage weg”, sagte mein Mann, als ich ihm mit Tränen in den Augen in den Arm fiel und die Kinder mit Küssen überschüttete. “Ich dachte, du genießt das.”

Und Zeit, diesen Blogeintrag zu schreiben, blieb natürlich auch nicht mehr. Die Familie war wieder da. Gesund. Und lebendig. Gottlob!

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5 Kommentare zu “Mutterpanik”

  1. Alex

    Waren Sie nicht mir ihren Kindern auf Weltreise? Das ist ja nichts was überängstlichen Müttern als Erstes einfällt.
    Es gibt eine Studie, dass Kinder früher in Hamburg einen Aktionsradius von ca. 8 km hatten. Und wenn ich daran denke, wie weit ich tagsüber von zu Hause zum Spielen weggelaufen bin… will ich gar nicht, dass mein Kleiner 7 oder 8 Jahre alt wird und am Weiher im Nachbarort Fische fangen will. 8 km!!!

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    • Frau Sisyphos

      #Alex Ich bemühe mich, mein Handeln nicht nach meinen Panikschüben auszurichten. Und was Reisen angeht, bin ich nicht ängstlich: Ich bin ja dabei. Schlimm wird es wahrscheinlich erst, wenn die “Kinder” später einmal alleine losziehen wollen … Wahrscheinlich bin ich ein Kontrollfreak.

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      • Moellink

        “Ich bin ja dabei.” Das kenn ich nur zu gut! Als hätte frau es dann unter Kontrolle… Ich lass meine Männer (manchmal) auch nicht gern allein aus dem Haus, obwohl ich doch die Zeit frei haben sollte.

        Ganz nebenbei:
        Toller Blog, spricht mir oft aus dem Herzen, wobei “4 um die Welt” doch mehr Sehnsucht geweckt hat. Falls Sie sich jetzt Hoffnungen machen: Leider bin ich kein Millionär, der als Sponsor auftreten kann ;)

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  2. Kristina

    Leider kenn ich derartige Gefühle. In solchen Momenten bin ich gelähmt und reagiere auch körperlich auf den Stress. Auch wenn mein Mann mal mit dem Rennrad oder so unterwegs ist. Zwischendrin brauch ich ein Lebenszeichen. Ich bin grad dabei Wege zu finden, damit umzugehen. Ich glaube, es ist für meine Familie – insbesondere für die Kinder, wenn sie älter werden – das Beste ;-) Also … you are not alone *Schulter klopf*

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  3. die Frau aus Schloß Neuhaus

    …jaja, das hat wohl jede Mama, weiß jemand, ob die Papas das auch haben??? Weiß noch wie ich auf nem Konzert ne andere Mama kennengelernt habe und mich darüber unterhalten habe ob die Kinder zu Hause wohl schlafen??? Bestimmt rocken die gerade die Omas und die sind zu stolz/gönnen uns bloß den schönen Abend, um anzurufen… Wir waren recht verkrampft, während sich die Männer über die Band und das Rauchverbot unterhielten etc etc…
    Oder wenn gar nix ist und man liegt trotzdem nachts wach und denkt, wenn einer von uns verunglückt/den Job verliert/ein Unwetter das Haus verwüstet und die Versicherung sich querstellt/eine Epidemie oder ein Krieg ausbricht/ein Meteor auf den Kindergarten kracht…

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