Kindergeburtstag

“Das!”, sagt meine Tochter bestimmt. “Und das! Das! Das! Das!”

“Sagen Sie”, frage ich den Verkäufer des Spielwarengeschäfts, “können wir auch eine Schleife um den ganzen Laden binden?”

Meine Tochter darf sich aussuchen, was sie sich zum Geburtstag wünscht, der sich viel zu schnell und sicher nähert. Sie macht es sich leicht: Sie wünscht sich alles. Naja, außer irgendwelche Mangamonster, die in der Jungsecke lungern. Diesen Teil des Geschäfts – soviel zu geschlechtsneutraler Erziehung – lässt meine Tochter links liegen.

Mehr als eine Stunde lang traben wir durch das Geschäft – also das Kind trabt aufgeregt, ich folge schleppenden Schrittes und versuche diskret, die Auswahl zu zensieren. Es stellt eine Geschenkkiste zusammen.

Wem dieser Begriff nichts sagt: Wer nicht jedem Verwandten und jeder Kindergartenmutter, deren Nachwuchs den kommenden Kindergeburtstag besucht, haarklein am Telefon erklären möchte (am besten im Büro, wenn der Chef mit klopfenden Fingern vor einem sitzt), was genau sich das Kind wünscht, packt eine Geschenkkiste. Wie ein Brautpaar, das sich einen Hochzeitskorb zusammenstellt. Die Gäste können dann das Geschäft aufsuchen, Einblick in die Geschenkkiste nehmen und, wenn sie mögen, etwas herausnehmen und zur Kasse tragen.

In unserer Geschenkkiste landen viele schreckliche Dinge, die Mehrheit davon ist rosa, glitzert und ist sehr, sehr stereotyp.

Ich sagte es schon: soviel zur geschlechtsneutralen Erziehung. Ich habe schon von vielen Eltern gehört, die daran gescheitert sind. Aus dem entfernteren Bekanntenkreis stammt die Geschichte über einen Vater, der seine Tochter auf keinen Fall mädchenhaft erziehen wollte. Das Kind bekam nur Autos, Werkzeugkoffer, Piratenbücher. Eines Abends erwischte er seine Tochter dabei, wie sie ihren Spielzeughammer liebevoll küsste, ihn behutsam zudeckte und ein Gute-Nacht-Liedchen sang. Da sah selbst dieser Vater ein: Mission gescheitert, die Tochter braucht eine Puppe.

Ich konnte mein Mädchen immerhin zu einem Ritterbuch, geschlechtsneutraler Knete und einem blauen Kinderschlauchboot überreden.

Abends, als das Kind, das vor Vorfreude kaum schlafen kann, endlich im Bett liegt, fange ich an, eine To-Do-Liste zu schreiben. Ich glaube, wer einen guten Kindergeburtstag mit mehr als fünf Gästen plant und über die Bühne bringt , der (oder zumeist ja: die) könnte auch problemlos ein Eventwochenende mit Top-Managern der zwanzig führenden Dax-Unternehmen schmeißen. Das kann auch nicht anstrengender sein.

Zunächst einmal bedarf es Taktik und Feingefühl bei der Auswahl der Gäste. Das Kind möchte “alle aus dem Kindergarten, alle Nachbarskinder, deren Geschwister, meine anderen Freunde, Oma und Opa, meine Cousins und Cousinen” einladen.

Manche Eltern halten es ja so: Die Anzahl der Gäste richtet sich nach dem Lebensjahr. Drei Gäste  zum dritten Geburtstag, vier zum vierten, fünf zum fünften undsoweiter. Da verhält es sich bei uns jedoch ähnlich wie mit der geschlechtsneutralen Erziehung: Wir sind bereits beim ersten Geburtstag daran gescheitert. Mit zähem Feilschen einige ich mich mit meiner Tochter auf eine Gästeanzahl, die doppelt so hoch wie ihr Alter ist und überlege, ob Mutter F. aus dem Kindergarten noch mit mir spricht, wenn ich ihren Sohn nicht einlade.

Dann geht es in die Vorbereitung: Welches Essen, welche Spiele, was kommt in die Geschenktütchen?

Für alle Kinderlosen: Geschenktütchen sind reichlich gefüllte Säckchen, die jedes Besucherkind am Ende der Feier mit nach Hause nimmt. Ja, richtig gelesen, das Geburtstagskind beschenkt die Gäste. “Totaler Schwachsinn, mache ich nicht mit”, dachte ich mir, bevor ich Kinder hatte. Ähnlich wie bei der geschlechtsneutralen Erziehung und der Gästeanzahl wurde ich bald eines Besseren belehrt.

Eine Kollegin, die zu den Verweigerern gehört, berichtete mir, am Ende der Feier hätten sie alle Gäste umringt und nach den Tütchen gefragt. “Waaas?”, schrien die Kinder fassungslos, “es gibt keine Tütchen?” Ihre Tochter weinte daraufhin nächtelang, weil alle im Kindergarten rumerzählten, dass es auf ihrem Kindergeburtstag keine Geschenktütchen gegeben hätte. Im Jahr darauf verteilte die Mutter besonders reichhaltig gefüllte Tütchen. Die Sitzungen beim Kinderpsychologen waren wahrscheinlich teurer als der Inhalt der Give-Away-Säckchen.

Schließlich ist zu überlegen, was genau am Geburtstag stattfinden soll. Freundin S., deren Tochter bereits zehn ist, denkt immer noch mit Schaudern an den letzten Geburtstag ihrer Tochter zurück. Das Mädchen hatte sich einen Kinobesuch mit seinen Freundinnen gewünscht. Es musste auf jeden Fall ein neuer Film sein, denn bei zehn Gästen besteht sonst leicht die Gefahr, dass irgendwer den Film schon gesehen hat. Also blätterte Freundin S. durch die Feuilletons von FAZ, Süddeutsche und Spiegel, befragte einen befreundeten Kinobesitzer, schaute sich Trailer im Internet an und entschied sich für einen “netten Kinderfilm über Mädchenfreundschaften und die erste Liebe”.

Als mitten im Film in einer Szene plötzlich Blut aus einer Hauswand lief und die Filmprotagonistin fürchtete, dass dort jemand lebendig eingemauert wurde, fiel Freundin S., umringt von zehn schreienden Mädchen, fast in Ohnmacht. Den Abend nach der Feier verbrachte sie am Telefon, um den Müttern ihrer Gäste möglichst schonend ein mögliches Trauma ihrer Töchter beizubringen.

Essens- und Spieleplanung liegen noch vor mir, ebenso die wahrscheinlich anschließend nötige Renovierung der Wohnung. Falls ich mich also wochenlang nicht an dieser Stelle melden sollte, dann bin ich in Kur. Um mich vom Kindergeburtstag zu erholen.

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4 Kommentare zu “Kindergeburtstag”

  1. SteffuLisi

    Wieder genial…;-) … Wir noch kinderlos und fest entschlossen alles anders zu machen…;-)

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  2. Claud

    Stimmt, hatte das mit 3 Kindern auch……
    Da jetzt alle über 18 sind, verziehen wir uns in die Ferienwohnung und die Jungen feiern alleine, für alle Beteiligten das Beste.

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  3. Kristina

    ich mach auch drei Kreuze, wenn die Kinder ihre Geburtstage alleine organisieren und feiern.

    Viel Kraft wünsche ich dir und ich hoffe, du hast deinen Mann an deiner Seite. :-D

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  4. Andrea

    tja :) … ich wünsche dir gute Nerven in den nächsten Jahren. Du musst ja bald zweimal im Jahr durch dieses Prozedere :) Dein Patenkind kümmert sich schon selber um seine Feier. Hauptsache keine Erwachsenen in der Nähe ^^ Bei seiner kleinen Schwester ist es da leider auch komplizierter, aber Kinobesuch oder Freizeitpark sind hoch im Kurs…..praktisch einerseits, da man Zuhause nachher keine Renovierungs.- und Reparaturarbeiten zu erledigen hat, andererseits ist diese Art des feierns, auch recht kostspielig :( Aber was macht man nicht alles um in glückliche Kinderaugen zu schauen! :)

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