Hochzeitsglocken

Demnächst sind wir wieder zu einer Hochzeit eingeladen. Meine Töchter sollen Blumenmädchen werden. Jedesmal, wenn meine Tochter nun ein hübsches Kleid sieht, schreit sie: “Das möchte ich haben. Für die Hochzeit!” Würde ich jedes Mal nachgeben, könnte sich mein Kind auf der Feier im Halbstundentakt umziehen.

Hochzeitsfeiern können ja etwas Feines sein. Oder etwas Albtraumhaftes. Ich habe beobachtet, dass das oft in Korrelation mit der Einmischung der (Schwieger-) Eltern steht.

Vor vielen Jahren war ich zum “schönsten Tag im Leben” einer Bekannten aus Kindheitstagen geladen. Die Eltern und Schwiegereltern der Braut konnten sich nicht ausstehen. Der einzige gemeinsame Nenner der beiden Paare war, dass sie die Hochzeit ihres Nachwuchses für einen Fehler hielten.

Die Lage begann kurz nach dem Standesamt zu eskalieren. Sekt wurde gereicht, fatalerweise zuerst an die Schwiegermutter. Dann an den Rest der schwiegermütterlichen Familie. Die Brauteltern standen “wie bestellt und nicht abgeholt da”. Befand jedenfalls die Mutter der Braut, die sich ihre Handtasche unter den Arm klemmte und von dannen marschierte. Die Szene endete damit, dass die Braut schreiend hinter ihrer Mutter herlief und ihr vor Wut den Brautstrauß vor die Füße warf. Geschockte Brautjungfern (die unbedingt den Brautstrauß hatten fangen wollen, um ebenfalls zügig den Bund der Ehe einzugehen) kratzten Blüten vom Asphalt. Mutter, Schwiegermutter und Braut brüllten sich an. Der Schwiegervater trank einen Schnaps. Vater und Schwieger-Onkel waren kurz davor, sich zu prügeln. Den Rest der Feier möchte ich an dieser Stelle aussparen, es reicht, dass ich daran teilnehmen musste.

Etwa ein Jahr später war ich zur Hochzeit einer anderen Freundin geladen. Sie hatte sich eine ruhige, kleine Feier gewünscht. Ihre Mutter lud den Schützenverein des Dorfes ein, die Schwiegermutter legte nach und bat die Freiwillige Feuerwehr hinzu. Beide Elternpaare verschickten Einladungen an ihre Nachbarn. Also nicht an die Nachbarn von Braut und Bräutigam, sondern an ihre eigenen. 180 Menschen sagten zu. Die meisten davon, verriet mir die Braut später, kannte sie gerade mal vom Sehen. Sie musste den ganzen Abend mit betrunkenen Schützen tanzen und sich Heldengeschichten der Feuerwehrleute anhören. Die Nachbarn hatten sich “lustige” Brautspiele ausgedacht, einer drohte mit einer “witzigen Brautentführung”. Meine Freundin war mäßig begeistert. Ich auch, da ich auf der Flucht vor tanzwütigen, betrunkenen Schützen einen Großteil des Abends auf dem Damenklo verbracht habe.

Andere Freunde berichteten uns von Feiern, bei denen die Braut am Ende des Abends mit einem anderen als dem frisch Angetrauten knutschte. Von Hochzeiten, wo der Wirt um halb eins das Licht anknipste und “Jetzt ist Schluss” rief. Von durchgehenden Pferden, die samt Hochzeitskutsche übers Feld davonstürmten und die Gäste ratlos zurückließen. Von einem Fest, an dem so viele (mäßig interessante) Reden gehalten wurden, dass der angetrunkene Bräutigam schließlich am Tisch einschlief.

Die lustigste Hochzeitsanekdote stammt von Freundin S., die vor dem großen Tag wochenlang unter der Einmischung der konservativen Schwiegereltern gelitten hatte. “Nie zuvor”, erzählte sie mir, “habe ich mich mit meinem Mann so viel gestritten, wie in den zwei Wochen vor der Hochzeit, als seine Mutter täglich neue Pläne präsentierte.” Am Ende fand die Hochzeit zum Glück doch statt. Im langen Kleid, wie von Schwiegermutter gewünscht. Dafür aber ohne Unterwäsche. “Das”, erklärte mir Freundin S., “war mein stiller Protest.”

Zum Glück waren die meisten Hochzeiten, die wir bislang besuchten, inklusive unserer eigenen, sehr nett. Die, die bald bevorsteht, wird es sicherlich auch. An den Blumenmädchen wird es jedenfalls nicht scheitern.

Und wenn meine eigenen Töchter jemals heiraten und die Feier aus dem Ruder zu laufen droht, kann ich mich ja einmischen. Sie werden begeistert sein.

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Hochzeitsglocken”

  1. die Frau aus Schloß Neuhaus

    …als unsere Beiden vor vier Wochen Blumenmädchen waren, hatten sie von der Braut ausgewählte weiße (!) Kleidchen an, die ganz kurz auch gut aussahen. Kniebänke eignen sich nicht zum Sitzen, und wenn sie noch so schön in Kinder-Sitzhöhe angebracht sind… Aber egal, richtig gut wurde es, als die Kleine vor Aufregung einmal komplett an sich runter gekotzt hat… Glücklicherweise war das NACH der Trauung, aber statt zum Kaffee sind wir dann nach Hause gefahren zum Frisch-Anziehen…
    Denkt vielleicht über weiße Regenmäntel nach! Viel Spaß beim Blumenstreuen, liebe Grüße, fühlt Euch umarmt!

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