Geduldsprobe

Geduld, diplomatisch ausgedrückt, gehört nicht gerade zu meinen primären Stärken. Das war schon so bevor ich Kinder bekam. Mit Kindern hat es sich nicht gerade verbessert.

Manchmal fegt ein fauchendes Ungeheuer durch unsere Wohnung, das den Mann anranzt, die Kinder anpflaumt und mit einem gezielten Tritt Türen zum Zuknallen bringt. Ich befürchte, das Ungeheuer sieht mir recht ähnlich.

Meist bin ich zumindest was meine Kinder anbelangt mit einer –  für meine Verhältnisse –  nahezu engelshaften Geduld gesegnet. Das Problem ist: Der Nachwuchs frisst meine ganzen  Geduldsreserven auf. Für alle anderen bleibt nichts mehr übrig.

Dann reicht wenig aus und es kocht in mir. Ewa, wenn ich rasch von der Arbeit nach Hause radeln möchte und ein Trupp Hamburgbesucher zu sechst nebeneinander gemütlich über den Fahrradweg schlendert. Oder die U-Bahn (die in Hamburg im 4-Minuten-Takt fährt) vor meiner Nase wegrauscht. Oder der Computer vor sich rumrödelt und einfach nicht hochfährt. Dann klingelt mein Doppelgänger-Monster wie eine Geisteskranke mit der Fahrradklingel oder flucht vor sich hin oder hämmert so lange auf die Knöpfe und Tasten ein, dass der Computer mit Garantie abstürzt. Ich weiß, alles nicht sehr hilfreich.

Das falscheste, was man tun kann, wenn mein Geduldsfaden bereits so raspelkurz wie ein Dreitagebart ist, ist in sanften Tonfall hervorgebrachte Worte an mich zu richten.

Mein Mann weiß aus langjähriger Erfahrung, dass Ratschläge wie „ganz ruhig“ oder „entspann dich“ nicht gerade deeskalierend wirken. Und er weiß, dass Sportarten wie Yoga oder Meditationsseminare auf mich wirken wie ein rotes Tuch auf einen Stier.

Vor vielen Jahren hat mir meine Mutter mal eine CD zur progressiven Muskelentspannung geschenkt. Ich wollte guten Willen beweisen und habe sie mir angehört. Mit geschlossenen Augen, auf dem Fußboden liegen, wie man auf der CD verlangte.

Eine ganz langsame, sanfte Stimme sprach zu mir: „Eeeeeeentspaaaaaaaannen Siiiiiie siiiiiich.“

Ich runzelte die Stirn.

„Konzentrieren Sie sich auf Ihren Aaaaaaatem“, säuselte der Sprecher weiter.

Ich verkrampfte mich.

„Denken Sie an nichts! Nur Aaaaaaatmeeeeeen!

„Mach hinne“, dachte ich und ballte meine Fäuste. „Ich hab nicht ewig Zeit.“

Mag sein, dass das eine falsche Herangehensweise ist. Aber nach 20 Minuten Entspannungs-CD war ich total verspannt und auf 180.

Dementsprechend sorgten meine Reisepläne bei allen, die mich näher kennen, für Heiterkeit.

„Ich gehe ins Kloster“, sagte ich, „schweigen, meditieren, Ruhe genießen.“ Zugegebenermaßen nicht meine eigene Idee, sondern die eines Auftraggebers. Ich bin Journalistin. Der nette Teil meiner Arbeit besteht darin, dass ich irgendwo hinfahre und darüber berichte.

Also sitze ich im Zug – und fahre einer Woche Einkehr und Stille entgegen.

„Oh Gott“, hatte mein Mann mir pessimistisch mit auf den Weg gegeben. „Die armen Klostermitarbeiter.“

Aber ich bin zuversichtlich. Die haben bestimmt eine Menge Geduld.

Ich werde berichten.

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3 Kommentare zu “Geduldsprobe”

  1. Claud

    Dann viel Spass im Kloster.
    Lustiger Unterschied zu dir. Ich bin auch eher exlosiv, viel Temperament und ein Arbeitstier. Aber Autogenes Training etc liebe ich. Wenn ich es mal wieder mache nützt es mir. Aber mit der Zeit verliere ich es aus dem Fokus.

    Geniesse diese Woche, vielleicht bekommst du doch einen Zugang zur innerer Ruhe.
    Und falls nicht, ist es einfach eine neue Erfahrung für die du bezahlt wirst.

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  2. Kristina

    Wie amüsant :-) ich bin gespannt und froh, dass ich in Sachen Geduld manchmal auch ein Monster sein kann. Gute Reise.

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