Erkenntnisse

Schon meine vierjährige Tochter weiß: Versprochen ist versprochen und wird nicht mehr gebrochen. Ich hatte versprochen, von meiner Reise ins Kloster zu berichten.

Ich muss mich korrigieren, es waren zwei Klöster: Das evangelische Zentrum Kloster Drübeck und Kloster Huysburg, in dem auch heute noch eine zehnköpfige Bruderschaft von Benediktinermönchen lebt. Beide liegen in Sachsen-Anhalt, beide bieten Einkehrtage an, an denen Besucher schweigen, meditieren und, wenn sie mögen, am Gebet teilnehmen können.

Was so etwas bringt? Pfarrerin Birgitte Seifert von Kloster Drübeck zuckt mit den Achseln: „Das weiß man vorher nie.“ Im besten Fall Erkenntnisse.

Meine Erkenntnisse der Woche (in Anlehnung an die Zehn Gebote sind es zehn):

Erkenntnis 1: Nicht nur der Aufenthalt im Kloster, sondern – wie ich immer wieder feststelle –  auch die Fahrt mit der Deutschen Bahn bietet Raum für inspirierende Eindrücke.

„No. No Zug. Überall Hochwater, Hochwater overall!“ (Bahnangestellte in Senglich –  einer Mischung aus Sächsisch und Englisch –  zu einem verzweifelten amerikanischen Pärchen, das nach Berlin reisen möchte).

Erkenntnis 2: Schweigen ist gar nicht so schwer (trotz dreifacher Vorbelastung als Frau, Rheinländerin, Journalistin).

Erkenntnis 3: Die Wege nach innen können sehr laut sein.

So Pfarrerin Seifert aus Drübeck beim Auswertungsgespräch meiner Einkehrtage, bei dem ich erwähnte, dass ich in Phasen der Ruhe sofort anfange, Probleme zu wälzen und in der ersten Klosternacht prompt von Albträumen gequält wurde.

Erkenntnis 4: Ich bin beschallungsabhängig.

Schwieriger als das Schweigen fand ich die Herausforderung, abends im Zimmer nichts zu tun. Nicht lesen. Nicht arbeiten. Nicht reden. Nicht das Handy anmachen, Nicht fernsehen.

Erkenntnis 5: Meditieren klappt bei Bewegung besser.

Ich erwähnte es bereits: Ruuuuuuhig entspaaaannen ist nichts für mich. Aber ein meditativer Waldspaziergang, auf den ich Bruder Jakobus von Kloster Huysburg begleitet habe, klappte super. Es ging quer durch den Wald jenseits der Pfade über Stock und Stein. Ich musste mich so darauf konzentrieren, nicht zu stolpern, dass ich meine innere To-Do-und-Sorgen-Liste kurzzeitig ausblenden konnte.

Erkenntnis 6: Es gibt „Leibgebete“.

Das sind Turnübungen, die ein Kreuz formen, also Arme nach oben strecken, dann zur Seite, dann zu den Füßen – soll beim Meditieren hilfreich sein.

Erkenntnis 7: Ich bin froh, dass meine Kinder noch klein sind.

Die Klosterangebote werden vielfach von der Generation 50+ angenommen, beispielsweise von Frauen, die schwer mit einer neuen Lebenssituation klar kommen (Kinder aus dem Haus!). Außerdem (siehe Erkenntnis 1) bin ich gerade im Zug von einer Horde Halbstarker mit Döner und Bierdosen umzingelt. Sie singen Schnapslieder.

Erkenntnis 8: Ich lebe das Leben, das ich leben möchte (dessen bin ich mir dank oder trotz Meditation und Stille sicher).

Erkenntnis 9: Der Benediktinerorden in Kloster Huysburg sucht Nachwuchs.

Die Brüder bitten in ihrem Mittagsgebet um neue Mönche. Sollte sich ein männlicher Leser angesprochen fühlen: Nur zu!

Erkenntnis 10: Vienenburg hat den ältesten noch erhaltenen Bahnhof Deutschlands (lese ich gerade aus dem Zugfenster blickend auf einem Schild). Und: Ich brauche alle neuen Erkenntnissen und alle innere Ruhe, die ich in der Woche Kloster gewinnen konnte, für das Umsteigen in Hannover. Denn, so die Zugbegleiterin: „Ihr Anschlusszug nach Hamburg hat jetzt schon 70-90 Minuten Verspätung.“

Warum?

Siehe Erkenntnis 1: Hochwater overall!

 

P.S: Wer es detailierter wissen will, hier mehr über den Klosteraufenthalt.

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