Pipi-Traumata

Meine Mutter verfolgt seit frühester Kindheit ein ewig gleicher Albtraum: Sie muss auf Toilette. Dringend. Aber nirgendwo findet sie eine akzeptable Toilette. Im Traum fehlen entweder die Türen vor dem WC oder es lauern überall Gaffer, die ihr auf den Hintern stieren wollen. Ein Klo ist total verdreckt, das nächste außer Betrieb. Ein Hinweisschild führt ins Nirwana, am nächsten Abort stehen bereits 30 Leute Schlange. Irgendwann, berichtete mir meine Mutter, wacht sie dann schweißgebadet auf und tapst schlaftrunken, aber sehr erleichtert ins Badezimmer.

An diesen Traum musste ich spontan denken, als ich vor einiger Zeit mit der Deutschen Bahn unterwegs war.

“Ich muss auf Klo!”, rief das Kind. “Dringend! Sofort!”

Also packte ich das Baby unter den Arm, nahm das Kind an die Hand und stapfte los. Das Klo direkt am Kinderabteil entpuppte sich als Personaltoilette. Das nächste stille Örtchen war tatsächlich sehr still, nämlich außer Betrieb. Was natürlich nicht dranstand, sondern mir eine Zugbegleiterin nach gefühlten zehn Minuten Wartezeit verriet.

Klo Nr. 3 stank wie die Pest. Nein, nicht nach dem, was man sich jetzt vielleicht vorstellt, sondern als ob zehn Kettenraucher vom Kaliber Helmut Schmidt dort einen Raucherkongress abgehalten hätten. Nicht unbedingt das, was man zwei Kleinkindern zumuten möchte. Vor Nr. 4 stapelten sich Koffer, an ein Durchkommen war nicht zu denken.

“Ich kann es gar nicht mehr aushalten!”, jammerte das Kind. Das Baby pupste solidarisch. Ich spielte mit dem Gedanken, den nächsten Zugbegleiter in Geiselhaft zu nehmen, wenn er uns nicht umgehend die Personaltoilette aufschließt.

Vor Klo Nr. 5 standen drei Leute Schlange. Die sich zum Glück vom heulenden Tonfall meiner Tochter oder meinem Geiselhaft-Blick überzeugen ließen, uns vorzulassen.

Für Frauen ist das ja eine heikle Sache mit den Toiletten. “Hunger, Pipi, kalt”, stand auf einer Glückwunschkarte, die wir zur Geburt unserer zweiten Tochter erhielten, “so sind Mädchen halt.” Stimmt. Trifft vollkommen zu.

Ich glaube ja, dass die Anzahl der Toilettengänge nicht etwa mit der Menge der zuvor zu sich genommenen Flüssigkeit in Verbindung steht, sondern mit der Zugänglichkeit von Toiletten.

Vor vielen Jahren reisten mein Mann und ich, damals noch kinderlos, durch Indien. Wir probierten einen Schlafbus aus. Mit bequemen Kojen zum Schlafen, aber ohne Toiletten. Dafür hielt der Bus ungefähr jede Stunde an, damit jeder sein Geschäft verrichten konnte. Die Inder, die mit uns reisten, hockten sich dazu neben den Bus an den Straßenrand, erledigten, was sie erledigen mussten und stiegen unbekümmert wieder ein.

Ich stieg aus. Alle blickten mich an. Ich ging ein paar Meter weiter. Ein paar neugierige Inder folgten. Ich ging weiter, blickte in eine dunkle Gasse. Was ist schlimmer? Ein Trupp Schaulustiger, die einem beim Niederhocken in der Straßenrinne anstieren oder eine dunkle Gasse, in der wahrscheinlich Ratten in Terriergröße darauf lauern, einem in den Hintern zu beißen?

Nie zuvor und nie danach, nicht einmal in der Schwangerschaft, als die Blase auf die Größe einer Walnuss zusammengeschrumpft war, auf der ein Baby Trampolin sprang, musste ich so häufig auf Toilette wie in dieser Nacht. Bei jedem Stopp! Für den Rest des Urlaubs verzichteten wir auf Nachtbusfahrten.

Heute berichtete mir Freundin A. von einem Besuch beim Zirkus. Sie erzählte nichts von der Vorführung, sondern davon, was sie am meisten beeindruckt hatte. Von einem Schild an der WC-Tür, auf dem stand: „Das Benutzen der Toiletten ist selbstverständlich kostenfrei. Viel Vergnügen!”

 

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2 Kommentare zu “Pipi-Traumata”

  1. Julia

    Wir hatten das Glück, letztes Jahr Leichtathletikkarten für die Olympischen Spiele in London zu ergattern. Einfach super, wenn auch superlaut, aber was mir am meisten in der Erinnerung geblieben ist, ist die Tatsache, dass es – trotz fast-Überfüllung – weder im olympischen Mega-Einkaufszentrum noch im olympischen Park eine Schlange vor den Damentoiletten gab. Einfach unvorstellbar.

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  2. Tanja

    Meine Freundin Susanne hat „Angst-Durst“, d.h. vor jeder Aktivität schüttet sie eine Flasche Wasser in sich hinein, aus Angst unterwegs Durst zu bekommen und dann womöglich nichts zum Trinken dabei zu haben. Bei mir ist es dann eher „Angst-Pipi“. Auf vielen Reisen habe ich gelernt, immer die nächste Pinkel-Pause zu nutzen, egal ob ich muss oder nicht. Und das ganze kröne ich jeweils mit dem Ausspruch „Das nächste Klo ist meins!“ Denn wer weiß, wann wieder eines kommt…

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