Mitgefangen, mitgehangen

Mein Mann schaut betrübt drein. “Es hilft nichts”, sagt er und nestelt an der sich langsam ablösenden Sohle seiner Sneaker herum, “ich brauche neue Schuhe.”

Gelegenheiten wie diese muss man beim Schopfe packen. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Mann freiwillig einen Schuhladen betritt, ist in etwa so gering, wie auf Anhieb eine zentrale, bezahlbare Wohnung in Hamburg zu finden. Oder einen Kita-Platz, wenn man nicht schon drei Jahre vor Zeugung des Nachwuchses auf der Warteliste stand. Für alle, die nicht in Hamburg leben: sehr gering.

Also stopfe ich das Baby in den Kinderwagen, schnappe mir das Kind und hake mich bei meinem Mann unter. Wir wohnen in einem Stadtviertel, das zwar nicht unbedingt viele bezahlbare Wohnungen und freie Kitaplätze, wohl aber eine ansehliche Reihe an Schuhgeschäften aufzuweisen hat.

Im Laden steuert mein Mann zielgerichtet ein Regal an, zieht ein Paar heraus und sagt: “Das nehme ich.” Erleichtert will er den Rückzug gen Kasse angehen.

“Halt!”, entgegne ich und stelle mich ihm in den Weg. “Die Kinder brauchen auch Schuhe.”

In dem Moment wird meinem Mann klar, dass er in eine Falle getappt ist. Wie auf Kommando fängt er an zu humpeln. Er kann stundenlang im Wald spazieren gehen, aber kaum gehen wir shoppen – ich beschrieb es schon an anderer Stelle – bekommt er Knieschmerzen. Sagt er.

Gequält schaut er mich an. “Muss das sein?”

“Mitgefangen, mitgehangen!”, erwidere ich und zeige auf das Baby, das mittlerweile anderthalb Schuhregale leergeräumt hat.

Dann knöpfe ich mir das Kind vor. Ein schwieriger Fall. Nicht, weil es so wie mein Mann ist, sondern eher wie ich. Es liebt Schuhe. Leider vor allem die, die entweder zu teuer, zu eng oder zu auffällig und damit wenig alltagstauglich sind. Gerne auch eine Mischung aus allen drei Eigenschaften. Von Schuhen, die solide, mit Orthopädengütesiegel ausgestattet und in unverwüstlicher blauer, grauer oder brauner Farbe sind, hält es hingegen grundsätzlich nichts.

“Die!”, sagt es  und zieht grellpinke Blinkturnschuhe hervor.

“Auf keinen Fall”, erwidere ich.

“Dann die”, sagt es und zeigt auf weiße Stoffschuhe.

“Ne”. Ich schüttele mit dem Kopf. “Weißt du, wie die nach nur einem Spielplatzbesuch aussehen werden?”

“Dann die, und die, und die”, sagt meine Tochter und fuchtelt aufgeregt mit dem Finger vor dem Regal hin und her. Ich halte ihr zwei Paare zum Anprobieren vor die Nase. In dunklem Lila, unserem Kompromiss zwischen praktischem Braun-Blau-Grau und dem vom Kind gewünschten Rosa-Pink-Weiß.

Dann wende ich mich wieder meinem Mann zu, der versucht, das brüllende Baby zu beruhigen.

“Sie schreit”, erklärt er mir und zeigt auf eine hochhackige Riemchensandale, “weil ich ihr die da weggenommen habe.”

“Verständlich”, entgegne ich und schaue mir die Schuhe interessiert an, “sie kommt nach mir.”

Ich muss an S. denken, die mir kürzlich von ihrem Schuhladen erzählt hat. Eine exquisite Kinderschuhboutique, sehr beliebt bei begüteten Müttern, die keine Lust auf Blinkschuh-Diskussionen haben. So beliebt, dass das Geschäft vor einiger Zeit nummerierte Abreißzettel eingeführt hat. Wie im Arbeitsamt. Erst wenn die eigene Nummer dran ist, darf man zu den Schuhen vordringen und wird bedient.

In dem Laden würde selbst ich Knieschmerzen bekommen.

Oder in dem, den ich mal besucht habe, als meine ältere Tochter zwei war. Es gab zwei, völlig überforderte Verkäuferinnen, von denen eine an der Kasse stand und die andere zwischen Lager und Verkaufsraum hin- und herjagte. Und es gab hinter den Schuhregalen einen Bällebadraum, in den man nur durch eine kleinkindgroße, kreisrunde Luke in Kniehöhe gelangte. Die beiden vorbeihetzenden Verkäuferinnen bestanden darauf, nur persönlich die Kinderfüße zu vermessen. Als endlich eine der beiden Zeit hatte, war das Kind im Bällebad verschwunden und weigerte sich, herauszukommen. Die Verkäuferin zog zum nächsten Kunden weiter.

Stattdessen näherte sich die Kassiererin, während ich durch die Luke ins Bällebad kroch, um meine Tochter herauszuholen. “Sie da!”, fuhr sie mich an, “das Bällebad ist nur für Kinder da!”

Ich verließ den Laden unverrichteter Dinge mit einem weinenden Kleinkind im Arm.

Bevor die Lage auch hier eskaliert, schiebe ich die Familie zur Kasse. Mein Mann hört beim Verlassen des Ladens mit dem Humpeln auf. Das Kind freut sich über zwei neue Paar Schuhe. Das Baby versucht, in seine neuen Lederschläppchen zu beißen.

Und ich? Ich beschließe, später noch einmal wiederzukommen. Um die wenig alltagstauglichen Riemchensandalen näher in Augenschein zu nehmen. Und die wahrscheinlich sehr engen Stiefeletten neben der Treppe. Und die überteuerten Wedges, oben am Ausgang. Ganz in Ruhe, ohne Familie.

 

 

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3 Kommentare zu “Mitgefangen, mitgehangen”

  1. LadySolana

    Ihr Mann ist niht zu beneiden^^
    Den Kinderschuhkauf hab ich auch nur als Horror im Kopf.
    Bei uns gehts nächste Woche wieder los.
    Irgendwie gehen die Schuhe meines Gatten noch nicht kaputt, weswegen er sich noch davor drücken kann und ich, ja ich kauf meine Schuhe eher wie ihr Mann.
    Hauptsache schnell wieder weg ^^

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  2. Ralph

    Diesen Horror haben wir abgeschafft!

    Da hilft nur ein Schuhmessgerät, das uns Eltern relaxed ohne Kinder Schuhe kaufen lässt…

    Kann ich jedem nur empfehlen.

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