Zettelwirtschaft

Wir wollen übers Wochenende wegfahren. Auf Familienbesuch. Mein Mann wirft ein paar T-Shirts und Unterhosen in eine Tasche, packt seine Zahnbürste hinzu und ruft: „Fertig!“

Das Kind greift beherzt in sein Spielzeugregal und stopft alles, was es in die Hände bekommt, in seinen Kinderrucksack.

Das Baby setzt sich selber in den leeren Koffer, brabbelt vor sich hin und schaut zufrieden.

Ich seufze. Wenn es mal so einfach wäre. Ich weiß, nun ist logistische Kompetenz gefordert. Also greife ich zu Stift und Zettel.

Ich bekenne: Ich bin eine Merkzettelschreiberin.

Merkzettelschreiber werden gerne belächelt. Oder für spießig gehalten. Für Ordnungsfanatiker. Für Kontrollfreaks.

Ich habe einen Mann und einen Job, zwei Kinder und zwei Hände. Einen Haushalt und einen Kopf. In letzterem herrscht gerne Chaos. Angerichtet von allen anderen Genannten. Also schreibe ich Merkzettel. Hier eine kleine Auflistung im Merkzettelstil:

1)      Pack-Listen bevor wir irgendwo hinfahren.

2)      To-Do-Klebezettel für die Arbeit.

3)      Einkaufzettel natürlich.

4)      Und dann noch ein Notizbuch, in das ich seit Jahren notiere, wem ich was geschenkt habe.

Punkt 1-3 sind wahrscheinlich normal. Punkt 4 sorgt manchmal für Befremden.

Schuld ist das Chaos in meinem Kopf, von dem ich sprach. Es könnte leicht passieren, dass ich jemanden zweimal hintereinander dasselbe schenke. Das fände ich peinlich. Also bin ich lieber ein Ordnungsfanatiker oder Kontrollfreak – und pflege meine Geschenkliste.

Sollte mich irgendjemand einmal nachts anrufen und fragen, was ich Tante Elsbeth oder Onkel Hubert 1996 zu Weihnachten geschenkt habe: kein Problem! Auf jeden Fall nicht dasselbe wie 1997 oder 1998.

Jetzt, bevor wir wegfahren, kommen alle vier Listen zum Einsatz. Ich muss für mich packen, fürs Kind, fürs Baby. Etwas Legeres für die Familientreffen, etwas Feines für eine anstehende Feier (Pack-Liste). Geschenke für den Feiernden (Geschenknotizbuch). Ein paar Mitbringsel, die ich noch besorgen muss (Einkaufszettel). Mein Netbook, weil ich von unterwegs aus arbeiten muss (einschließlich Arbeits-To-Do-Klebezettel).

„Was machst du denn da?“, unterbricht mich mein Mann, während ich eifrig Listen schreibe. „Wolltest du nicht packen?“

Ich seufze erneut. Dann fange ich an, die Sachen für die Kinder zusammenzuraffen: Eine Strumpfhose, die zum Kleid, die zum Oberteil, die zu den Schuhen passt. Etwas für Sonnentage, Regentage, Schneetage. Wir sind in Deutschland, da weiß man nie.

Einmal habe ich meinem Mann das Packen für die Kinder überlassen. Auch er hatte etwas für Sonnentage, Regentage, Schneetage gepackt. Hausschuhe mit Winterjacke und Sommerkleidchen. Keine Windeln. Dafür pro Kind zwei Badeanzüge. Für ein Wochenende bei seinen Eltern. Mit denen wir noch nie schwimmen gegangen sind.

Also packe ich. Und renne zwischendurch zu meinen Listen, um durchzustreichen, was ich erledigt habe. Dabei kommt mir Freund B. in den Sinn. Der Herr der Merkzettel.

B. ist weder Kontrollfreak noch Ordnungsfanatiker, sondern ein langhaariger Linker, der in einer Kommune lebt. Vor allem aber ist er Listen-Profi. Er pflegt „Ich fahre in Urlaub“-Zettel, „Familienbesuch-steht-an“-To-do-Listen, „Wir planen eine Party“-Merkblätter. Ich glaube, er führt sogar eine Liste über all seine Listen. Und er recycelt seine Merkzettel. Jedes Jahr, wenn er in den Campingurlaub aufbrechen möchte, zaubert er aus seinem Schreibtisch die Campingurlaub-Liste hervor, die er gewissenhaft Jahr für Jahr modifiziert.

Das klappt bei mir leider nicht. Ebenso zwanghaft, wie ich Listen führe, streiche ich die einzelnen Punkte darauf durch. Und am Ende erfüllt es mich mit großer Befriedigung, den Zettel zusammenzuknüllen, in den Papierkorb zu schnippen und dabei laut „So!“ zu sagen. Hat wahrscheinlich mit dem Kontrollzwang zu tun.

Es ist ein Uhr nachts, die Familie schläft längst, als ich mit dem Packen und den Listen endlich fertig bin. Ich muss an Sisyphos denken. Hätte der einen Merkzettel, sähe der wohl so aus:

Stein rauf, Stein runter, Stein rauf, Stein runter, Stein rauf…

Ziemlich simpel. Dafür bräuchte man keinen Merkzettel. Und man könnte ihn auch nie zusammenknüllen.

Ich muss an das Chaos denken. Auf meinem Schreibtisch. Im Haushalt. Im Koffer. Vor allem: in meinem Kopf. Trotz Listen. Es hört doch niemals auf.

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6 Kommentare zu “Zettelwirtschaft”

  1. Tanja

    Ach, wie schön, endlich mal auf eine Gleichgesinnte zu treffen! Ich bin auch ein großer und oft belächelter Listen-Schreiber und natürlich führe ich auch ein “Buch der Wünsche”, mit geschenkten Geschenken (inkl. Preis ;-) , mit Ideen für Geschenke…und natürlich habe ich schon die Seite 2013 angelegt, mit ersten Ideen-Listen für Weihnachtsgeschenke. Denn damit kann frau nie zu früh beginnen.

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    • Frau Sisyphos

      Oh ja. Ich habe sogar schon ein Weihnachtsgeschenk, das ich kürzlich im Urlaub entdeckt habe. Dabei musste ich an eine Person denken, die dieses Jahr schon Geburtstag hatte. Es erschien mir so passend, dass ich trotzdem zugeschlagen (und es auf der Geschenkliste vermerkt) habe.

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  2. Miléa

    Wie schön zu lesen, dass ich nicht alleine bin mit meinen Listen selbst vor einem Familienwochenendausflug und in meiner Überzeugung, dass mein Partner nicht fähig (oder willig?) ist, die richtigen Prioritäten beim Packen zu setzen…

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  3. Catha

    Das Geschenkebuch führe ich auch, aber sonstige Listenführung gebe ich direkt an meinen Freund ab. Der führt alle elektronisch mitsamt Backup. Nichts zum zerknüllen, aber immer in verschiedenen Varianten verfügbar falls sich Modifikationen als ungünstig erweisen. Wo ist die Grenze zum Wahnsinn?

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  4. Carsten

    Das alles kommt mir sooooo vertraut vor!
    Kurz gesagt: Ist wie bei uns!
    Nur, dass ich beim packen für die Kinder statt 2 Badeanzügen nur einen Badeanzug und 2 Badehosen eingepackt habe….

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  5. Sandra

    Das finde ich super! Ich liebe Listen – auf Papier, in Excel, in allen Formen, zum Abhaken und wegwerfen…
    Und als nächstes werde ich mit einer Geschenkeliste beginnen!

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