Gesine und der Pekip-Schrei

Bevor ich Kinder hatte, dachte ich: Man bekommt ein Baby. Mit dem geht man spazieren und trifft sich vielleicht von Zeit zu Zeit mit anderen Eltern, um sich auszutauschen. Dann geht das Kind in die Kita, später in den Kindergarten. Und irgendwann, wenn es groß genug ist, eigene Wünsche zu artikulieren, besucht es vielleicht einen Sportverein. Oder einen Musikkurs. Oder weiß der Kuckuck was.

Kaum war ich Mutter, wurde ich eines Besseren belehrt.

In der Stadt, in der ich lebe, ist es üblich, dass Mütter aus – sagen wir mal – bürgerlichem Milieu, Kurse besuchen. Es gibt frühkindliches Musizieren, frühkindliches Turnen, frühkindlichen Spracherwerb. Es gibt Babyzeichensprache, Baby-Yoga, Baby-Shaitsu. Und allerlei Kurse, deren Namen wirken, als hätte sie sich ein McKinsey-Berater ausgedacht: Delfi, Pikler, Pekip.

Als mein großes Kind noch ein Baby war, überredete mich eine andere Mutter, mit ihr einen Pekip-Kurs zu besuchen (also eine FKK-Krabbelgruppe. FKK nur für Babys. Zum Glück nicht für Mütter). Ich war skeptisch. Die andere Mutter blieb hartnäckig. Sie redete von Stimulation der Bewegungsabläufe, frühem Erkennen von Entwicklungsstörungen, Förderung des kindlichen Selbstbewusstseins durch Selbstwahrnehmung. Wer möchte sich später vorwerfen, sein Kind wäre zurückgeblieben, grobmotorisch, asozial? Eben! Ich gab klein bei.

In der ersten Stunde schrie mein Kind wie am Spieß. “Das liegt am Rot”, erklärte mir Gesine, die Kursleiterin, und zeigte auf die orange-rote-Schwammtechnik-Wand des Seminarraums, die sie eigens gestaltet hatte. “Eine inspirierende Farbe”, schrie sie mir über das schreiende Kind hinweg zu. “Die Kinder müssen mit den Farben wachsen.”

“Ah ja”, dachte ich.

In der zweiten Stunde schrie mein Kind wieder wie am Spieß. Gesine packte mich an den Händen und forderte mich auf, mit ihr zusammen um das Kind zu tänzeln, singend.

“Grundgütiger!”, dachte ich.

Zur dritten Stunde schickte ich meinen Mann. Er berichtete mir abends, dass das Kind geschrien habe. Wie am Spieß. Und dass er den Kurs dämlich fand.

In der vierten Stunde legte das Kind eine Schreipause ein. Dafür hatte es Durchfall. Ich erwähnte es bereits: Im Pekip-Kurs sind die Babys nackt. Gesine erklärte mir, dass mein Kind und ich vielleicht noch nicht in uns ruhen würden. Ich war kurz davor, selber wie am Spieß zu schreien.

Die fünfte Stunde schwänzte ich.

In der sechsten Stunde wurde ich Zeuge, wie Gesine eine Mutter, die Salbeitee getrunken hatte, als verantwortungslos beschimpfte (weil Salbeitee abstillend wirken kann).

Vielleicht, dachte ich, brauche ich erst mal einen Mutterförderungskurs.

Auf weitere Stunden verzichtete ich. Trotz exorbitanter Kursgebühr.

Vier Jahre sind seither vergangen. Das Kind ist mittlerweile vier. Zum Glück bislang weder zurückgeblieben, noch grobmotorisch oder asozial. Dafür sprechen mein Mann und ich bis heute vom “Pekip-Schrei”, wenn das Kind besonders empört kreischt. Und wir haben ein zweites Kind bekommen. Ein Baby im perfekten Pekip-Alter.

Ich bleibe lieber beim  MIV-BBU: “Mutter-in-Verweigerungshaltung-Baby-bleibt-ungefördert”.

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6 Kommentare zu “Gesine und der Pekip-Schrei”

  1. Miléa

    Hach, jetzt weiss ich wieder, warum ich mich vor Pekip gedrückt habe und auch bei meiner zweiten Tochter drücken werden. Ich habe mich und mein Kind lediglich einmal die Woche morgens um zehn in so eine Krabbelgruppe geschleppt und, während meine Tochter selig schlief, munter in die Hände geklatscht und lustige Liedchen gesungen. War bestimmt pädagogisch total wertvoll – für mich…

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  2. Julia

    Ja sowas hört man öfters!

    Wobei ich sagen muss, dass bei uns der Pekip-Kurs total klasse ist. Sowas steht und fällt aber mit den Kursleitungen ;-)

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  3. Carsten

    Großartig!

    Ich bin mittlerweile auch dazu übergegangen, die einschlägigen Seminare und Räumlichkeiten als “EAM” (= Erstgebärenden-Abzock-Masche) abzutun.
    Wie ich sehe, bin ich da nicht alleine…..

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  4. MG

    Schade dass du so eine schlechte Erfahrung gemacht hast. Ich war zwar nie in einem dieser Kurse, habe aber mit meiner Tochter einen Krabbelkurs (da gab es ein paar Spiele und Lieder und ansonsten freies benutzen von Schaukeln, Rutschen, etc.) gegangen und gehe seit ueber einem Jahr in eine Musikgruppe. Uns beiden gefaellt es super gut und das schoenste ist, dass wir gemeinsam – nur Mama und Tochter – gemeinsam etwas unternehmen, andere Kinder treffen, und einfach Spass haben.

    Nur wegen einer Erfahrung alle Kurse laecherlich zu finden ist ziemlich dumm, wenn ich das so sagen darf.

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    • Frau Sisyphos

      @MG Dass ich grundsätzlich alle Kurse lächerlich finde, habe und wollte ich mit dem Text nicht zum Ausdruck bringen. Der Pekip-Kurs, den wir besucht haben, war – wie ja deutlich wurde – Asche. Deshalb habe ich mit dem zweiten Kind auf einen erneuten Pekip-Besuch verzichtet, obwohl eine Freundin von mir, die ein anderes Institut besucht hat, davon ganz begeistert war. Generell ist es schön, sei es mit oder ohne Kurs, sich mal eine volle Stunde nur seinem Kind zu widmen und sicherlich ist das manchmal leichter, wenn man nicht zu Hause, sondern in einer anderen, babygerechten Umgebung ist. Ich gehe mit den Kindern sehr gerne schwimmen, und wir haben mit der älteren Tochter (die kleine ist noch nicht so weit) auch beim Kinderturnen mitgemacht, was ihr immer viel Spaß gemacht hat (ohne Pekip-Schrei). Jeder muss halt schauen, was für ihn oder sie das beste ist. Für uns ist halt klar: Pekip sicherlich nicht.

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  5. Julia

    Grandios!
    Ich bin leider auch auf die Erstgebärenden-Abzock-Masche PEKIP reingefallen. Meine Kleine ist von den anderen Babys und der Hitze in dem Raum völlig überfordert. Sie verbringt die Stunden schreiend und pinkelnd auf meinen Arm, während alle anderen Babys lustige Geräusche von sich geben und sich des Lebens freuen. Am schlimmsten ist aber die Kurstante, die immer nur sanft säuselnd sagt, dass wir uns alle Zeit der Welt lassen sollen.
    Kaum liegt mein Baby dann wieder im Kinderwagen grinst sie mich an als wollte sie mir sagen:” hab ich dir doch gleich gesagt, Pekip ist ein Arschloch!”
    Mal sehen, wie oft wir noch hingehen…

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