Der Paternoster

Ich muss ins Einwohnermeldeamt, einen neuen Personalausweis beantragen. Der alte wurde gestohlen.

Man kennt ja die Ämter. Jahrelange Erfahrung. Deshalb gilt: genaueste Vorbereitung, bevor man eine Behörde aufsucht. Bei mir sah das so aus: Im Internet nach den Öffnungszeiten schauen. Anrufen, was man an Papierkram mitbringen muss. Rechtzeitig losmarschieren, weil man ja immer stundenlang warten muss.

Es ist genau 13:57 Uhr als ich das Einwohnermeldeamt guter Dinge betrete. Zuversichtlich wende ich mich an den Pförtner.

“In welchem Stock kann ich einen neuen Perso beantragen?”, frage ich ihn.

“Die ham jetzt zu”, antwortet er und schaut kaum aus seiner Zeitung auf.

“Wie? Ich habe doch extra im Internet nachgeschaut, da stand, dass die Perso-Stelle bis 15 Uhr geöffnet hat.”

Seufzend blickt der Pförtner mich an. “Die schreiben viel im Internet. Das stimmt immer alles nicht.” Dann wendet er sich wieder seiner Zeitung zu.

“Hören Sie mal, ich habe nicht bei “Wolfgangs und Sibylles beste Hamburgtipps” nachgeschaut, sondern auf der offiziellen Seite der Stadt Hamburg”, entrüste ich mich.

Der Mann zuckt mit den Achseln.

Ich versuche es mit Engelszungen: “Meinen Sie denn, ich könnte jetzt noch schnell hoch?”

“Ne”, sagt er entschieden. “Wir sind hier in einer Behörde. Da wird pünktlich Feierabend gemacht.”

In Momenten wie diesen solidarisiere ich mich gedanklich mit Amokläufern.

Ein paar Tage später stehe ich wieder in der Behörde. Diesmal habe ich vorher angerufen und mir einen Termin geben lassen. Wenn ich zu spät komme, hatte mir die Dame am Telefon gesagt, werde der Termin vergeben. Also stehe ich vorsichtshalber eine Viertelstunde zu früh im Foyer des Amts. Vor mir: Der Kinderwagen mit dem Baby. Rechts von uns: ein Aufzug. Links: ein Paternoster.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind gerne mit meiner Mutter in so einer offenen Kabine gefahren bin. Ich blicke auf den Kinderwagen, dann auf den Paternoster. Der Paternoster kommt mir vor wie ein D-Zug. Mit Kinderwagen: Keine Chance!

Also warte ich auf dem Aufzug. Und warte. Und warte. Nach sieben Minuten gehe ich zum Pförtner. “Das liegt an den Handwerkern im Haus, die sperren den Aufzug machmal, aber der kommt schon noch”, erklärt er mir.

Ich warte weitere drei Minuten, nervös auf die Uhr blickend. Als sich endlich die Aufzugstür öffnet, drängelt sich von hinten ein Handwerker mit einem großen Brett an mir vorbei. Er stellt sich mitten in den Fahrstuhl, quer vor sich das Brett haltend. Für mich und den Kinderwagen ist kein Platz mehr.

“Moment mal!”, rufe ich ihm zu. “Ich war zuerst hier, und ich muss in drei Minuten einen Termin wahrnehmen.”

Der Handwerker drückt in Seelenruhe den Knopf für die sechste Etage. Langsam schiebt sich die Tür wieder zu. Vorher brüllt er noch: “Wir müssen hier arbeiten, nehmen Sie halt den nächsten Aufzug.”

Wieder denke ich an Amoklauf.

Ich blicke mich um. Neben mir steht eine verlassene Sackkarre. Darauf hatte der Handwerker sein Brett transportiert. “Mmh”, denke ich.

Gerade noch rechtzeitig komme ich bei meinem Termin an. Beantrage den Ausweis. Erfahre, dass ich benachrichtigt werde, wann ich ihn abholen kann. Auf dem Rückweg frage ich mich, ob dann wohl immer noch eine herrenlose Sackkarre mit dem Paternoster durch das Amt düst.

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4 Kommentare zu “Der Paternoster”

  1. Christina

    Großartig! :-D Danke für den tollen Blog! Ich war schon ganz traurig, als Ihre Reise – und damit auch die unterhaltsamen Reiseberichte – zuende waren. Frau Sisyphos ist eine tolle Fortsetzung :-)

    Antworten

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