Alltagsphilosophie

Manchmal ist es ja leider etwas kompliziert.

Vor einiger Zeit waren wir auf Reisen. Während der Reise wurde uns ein Rucksack gestohlen. Ich hatte vor der Reise eine Reisegepäckversicherung abgeschlossen. Prima, dachte ich, dann bekomme ich jetzt wenigstens noch etwas Geld zurück.

“Bitte reichen Sie Ihre Ausgaben vollständig ein”, sagt die Dame von der Versicherungs-Hotline. “Auch die Bescheinigung vom Amt, dass Sie neue Papiere beantragt haben.”

Im gestohlenen Rucksack waren auch mein Führerschein und mein Personalausweis. Um neue Papiere zu bekommen, brauche ich Passbilder. Und um halbwegs anständige Passbilder zustande zu bekommen, gehe ich zum Friseur. Wer möchte schon, dass bis zu seinem Lebensende ein Zottelbild den Führerschein ziert?

Ich mag meinen Friseur. Für all das, was er nicht ist. Er hat beispielsweise keinen bemüht individuellen Namen, so wie “Cut and Go” oder “Haar2Ooh” oder “Hairport”, sondern heißt einfach nur “Friseursalon Schmitt”. Es gibt keine teure Espressomaschine, sondern Filterkaffee mit Büchsenmilch oder Pfefferminztee. Und es wabert keine chillige Loungemusik durch den Raum, sondern nur die Stimme von Frau Schmitt und ihren Besuchern. Mit Besuchern meine ich jetzt nicht die Kunden.

Frau Schmitt hat einen großen Bekanntenkreis. Die meisten davon sind Handwerker. Immer, wenn einer davon in der Nähe zu tun hat, schaut er für ein paar Minuten rein, auf einen Filterkaffee oder Pfefferminztee oder um auf der Bank vor Frau Schmitts Friseursalon eine Zigarette zu rauchen.

Auch heute, Frau Schmitt schnibbelte und pinselte gerade an meinem Kopf herum, wurde die Tür schwungvoll, unter heftigen Protestklingeln der Ladenglocke, aufgerissen. Herein kam Handwerkerfreund Jochen, um die 50, groß und dünn mit abstehenden Locken auf dem Kopf und einer Tabackpackung in der Hemdtasche.

“Bei manchen Leuten”, erzählt er ohne Gruß und Einleitung, “fragt man sich: ham die einen an der Klatsche oder telefonieren die bloß.”

“Moin Jochen”, erwidert Frau Schmitt.

“Die brüllen über die ganze Straße und wedeln herum und man fragt sich: was wollen die?”, fährt er fort.

Die Friseurazubine von Frau Schmitt mischt sich ein: “Die haben so Stöpsel im Ohr, wenn die telefonieren.”

“Ja”, sagt Jochen und beginnt, eine Zigarette zu drehen. “Aber kürzlich hat auch eine so rumgeschrieen ohne Stöpsel im Ohr. Das war wirklich ‘ne Irre.”

Er verschwindet wieder nach draußen.

Ich weiß schon, warum ich mir den Besuch einer Live-Comedyshow spare, sondern lieber regelmäßig zum Friseur gehe. “Mmh”, sagt Frau Schmitt. “So is das.”

Einen Tag später, ich will gerade mit neuer Frisur losziehen, um Passbilder zu machen, um die Papiere zu beantragen, um mein Geld von der Versicherung zu fordern, komme ich wieder am “Friseursalon Schmitt” vorbei. Vor der Tür steht Jochen und blinzelt zum grauen Himmel hoch.

Er erkennt mich. “Es wird Zeit, dass wir Frühling bekommen”, sagt er, wieder ohne Gruß und Einleitung. “Was meinste?”, fährt er fort und bläst Rauchkringel in die Luft. “Dann setzen wir uns hier auf diese Bank, reden über die Schlechtigkeit der Menschen und lassen es uns richtig gut gehen.”

Manchmal, scheint mir, kann das Leben ganz einfach sein.

 

facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedinmail

Ein Kommentar zu “Alltagsphilosophie”

  1. Katja

    Es liest sich ganz wunderbar, was du schreibst. Ich bin durch den Reiseblog hierhergekommen und ich werd nicht mehr weggehen. Ich kann zwar nicht wirklich nachempfinden, was du für einen anstrengenden und arg gefüllten Alltag hast, aber es liest sich trotzdem oder gerade deswegen, ganz wunderbar.
    Liebe Grüße
    Katja

    Antworten

Kommentar hinterlassen

  • (will not be published)